Gottfried Keller

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Spiegel, das Kätzchen

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Personen
Zusammenfassung
 

Personen

 


Hauptpersonen

Gegenspieler

Nebenpersonen

Spiegel, das Kätzchen

Pineiß, Stadthexenmeister

Eule, Mithelferin

 

Begine (Hexe)

verstorbene Witwe

 

 

Zusammenfassung

 

Erzählung von Gottfried Keller, erschienen 1856 im Novellenzyklus Die Leute von Seldwyla. - Als einzige Erzählung innerhalb der Sammlung ist dieser Text mit der Kennzeichnung "Märchen" untertitelt, nicht ohne allerdings den stilistischen wie thematischen Zusammenhang mit den übrigen Novellen zu wahren. Für Th. Fontane, heute wie Keller selbst zum "bürgerlichen Realismus" gezählt, wird dieser überraschenderweise dadurch hergestellt, daß sich Kellers Texte allgemein durch eine "im wesentlichen sich gleichbleibende Märchensprache" auszeichnen - eine Deutung, der die Forschung heute nicht mehr folgt, die Kellers realistischen Blick auf die materielle Bedingtheit des bürgerlichen Lebens, sein ironisches Verweilen am Detail und seine satirischen Brechungen hervorhebt.

Das Kätzchen Spiegel scheint der Ehre durchaus würdig, die seinesgleichen in der deutschen Literatur bislang erwiesen wurde, etwa im Gestiefelten Kater von Ludwig Tieck (1797) oder in den Lebensansichten des Katers Murr (1819-1821) von E. T. A. Hoffmann. Spiegel ist ein ebenso gesitteter wie selbstbewußter und philosophischer Mann in den besten Jahren. Doch läßt Keller keinen Zweifel daran, daß der Kater über diese Qualitäten nur unter günstigen materiellen Voraussetzungen verfügt. Der Tod seiner Herrin, einer stillen alten Jungfer, verurteilt ihn zu Armut und moralischer Verelendung: "Er wurde von Tag zu Tag magerer und zerzauster, dabei gierig, kriechend und feig; all sein Mut, seine zierliche Katzenwürde, seine Vernunft und Philosophie waren dahin." Das schlicht Materielle als Ursache des Verhaltens, des Denkens und der Moral kehrt Keller im Fortgang der Geschichte verschärft hervor. Aus der Not rettet den Kater der Stadthexenmeister Pineiß, ein unheimlicher, widerwillig geachteter Bürger, "welcher hundert Ämtchen versah, Leute kurierte, Wanzen vertilgte, Zähne auszog und Geld auf Zinsen lieh ..." Auf Zins Geld zu leihen paßt gut zu einem, der "zehntausend rechtliche Dinge am hellen Tag um mäßigen Lohn und einige unrechtliche nur in der Finsternis und aus Privatleidenschaft" verrichtet.

Pineiß braucht, um seine Hexerei auszuüben, Katzenschmer, und er verführt den halb verhungerten Spiegel zur Unterzeichnung eines Kontraktes, dem zufolge er den Kater tüchtig herauszufüttern, dieser ihm alsdann aber Schmer und Leben zu lassen habe. Des Hexenmeisters Privatleidenschaft, seine Hingabe ans Geld und an dunkle Geschäfte, nährt sich vom Elend anderer. Aber sie verstrickt sich auch in der ihr eigenen Dialektik. Zwar locken den Kater die leckeren Speisen des Hexenmeisters mit unwiderstehlicher Gewalt, und er eignet sich bald die frühere Stattlichkeit seines Leibes zurück, doch auf der Basis der sicheren regelmäßigen Nahrung erwacht er auch wieder zu tätigem Denken und zu praktischer Vernunft. Und so betört er im Augenblick der höchsten Gefahr den unerbittlichen Quälgeist durch eine klug ersonnene Geschichte. Sie spiegelt Kellers ökonomische Perspektive, seine Einblicke in die unvertilgbaren Spuren, die das Interesse am Geld im Verhalten der Menschen hinterläßt. Seine Herrin, so fabuliert der Kater, war in jungen Jahren durch Schönheit und Reichtum gleichermaßen ausgezeichnet; weil sie selber das Geld hoch einschätzte, setzte sie auch bei anderen diese Einschätzung mechanisch voraus, dergestalt, daß sie zuletzt allen ihren Freiern ausschließlich ein leidenschaftliches Interesse an ihrem Vermögen unterstellte, eine Hingabe an ihre Person und ein interesseloses Wohlgefallen an ihrer Schönheit aber nicht mehr sich vorzustellen vermochte. Einem jungen Mann endlich, der in maßloser Leidenschaft für sie entbrannte und das Feuer der Liebe auch in ihr zum erstenmal entfachte, spielte sie, vom tief eingeschliffenen Mechanismus ihres Mißtrauens plötzlich überwältigt, eine Komödie vor, an welcher der Geliebte zugrunde ging. Seine Hinterlassenschaft, 10 000 Goldgulden, war von der verzweifelten Schönen in einen Brunnen geworfen worden. Das Geld sollte dereinst irgendeinem schönen, aber mittellosen jungen Mädchen gehören, das von einem hingebungsvoll liebenden Mann allein um ihrer Schönheit gefreit würde. Dieses Mädchen und diesen Mann zusammenzuführen, sei, so schließt Spiegel, der letzte Auftrag seiner Herrin an ihn gewesen.

Die Erzählung übt auf Pineiß genau die Wirkung aus, mit der Spiegel rechnete. Ihren Sinn - daß die Wertschätzung des Geldes als Verhängnis in menschliche Beziehungen eindringe und dem Schönen die wahre Selbstdarstellung versage - kann der vom Geld und Besitz faszinierte Hexenmeister nicht erfassen. In den Bann der 10 000 Goldgulden geschlagen, entläßt er den Kater aus dem Vertrag unter der Bedingung, daß er ihm das Geld und die weibliche Schönheit verschaffe. Die Frau aber, die der Kater mit Hilfe einer klugen Eule für ihn einfängt, ist nur dem Schein nach betörend schön, in Wahrheit ist sie eine böse, häßliche Alte, die Pineiß gleich am Hochzeitsabend auf ihre Folter spannt. Sinnbildlich stellt Keller in ihr das Verhängnis dar, das in Pineißens blinder Versklavung durch Besitz und Reichtum angelegt ist. Das ist die verschwiegene Dimension des Sprichwortes, das zu erklären Keller sich anfangs vorgenommen hatte. "Seit dieser Zeit", so schließt er, "sagt man zu Seldwyla: 'Er hat der Katze den Schmer abgekauft!' besonders wenn einer eine böse und widerwärtige Frau erhandelt hat."
 
Aus:
Kindlers neues Literaturlexikon © CD-ROM 1999 Systhema Verlag GmbH, Buchausgabe Kindler Verlag GmbH
  

LITERATUR:
F. Leppmann, Spiegel das Kätzchen (in F. L., Kater Murr u. seine Sippe, München 1908, S. 78-86). - Th. Müller-Nussmüller, Spiegel das Kätzchen: Interpretation, Diss. Basel 1972.