Das Tanzlegendchen
   

 


Der Text ist Bd. 7 der Historisch-Kritischen Gottfried Keller-Ausgabe entnommen. Er basiert auf den Gesammelten Werken (GW) von 1889 und ist mit Fußnoten versehen, die kritische Lesarten früherer Textzeugen verzeichnen.

H1 = erste Niederschrift, H2 = Druckvorlage, E1-E4 = 1. bis 4. Auflage der Buchausgabe der Sieben Legenden.


Vgl. dazu die Interpretation von Peter Stamer auf dieser Homepage

 

 
Text

Das Tanzlegendchen

S. 421

 

 

                         Nach der Aufzeichnung des heiligen Gregorius war Musa

10       ein anmutvolles Jungfräulein, welches der Mutter Gottes

           fleißig diente, nur von einer Leidenschaft bewegt, nämlich von

15       Jünglingen und auch allein; sie tanzte in ihrem Kämmerchen,

20       bieren.

25       sie bloß zu träumen wähnte, als sie sah, wie ein ältlicher aber

 
                               

S. 422

05        lockten Bart, welcher vom Silberreif der Jahre wie von einem

10        handhabte oder blies. Dabei waren die Knirpse ganz gemüt-

15        schlug und das Notenblatt mit den rosigen Zehen zu halten

20        Ueber alles dies sich zu wundern, fand Musa nicht Zeit,

25       sie erst an, sich ordentlich zu fürchten und sah erstaunt auf den

30        in einem unaufhörlichen Freudentanze zu verbringen, einem

                            
                                   
S. 423

05        lediglich der Buße und den geistlichen Uebungen zu weihen, und

10        Denn alles habe seine Zeit; dieser Erdboden schiene ihr gut

15        Beziehung im Irrtum sei, und bewies ihr durch viele °Bibel-

20        wolle sie nicht, so gehe er weiter; denn man habe im Himmel

25         unbekannten Lohnes willen.

30        und sie merkte, daß ihr Leib viel zu schwer und starr sei für

15  Bibelstellen,] Bibelstellen  H2–E4

                                                    
           

S. 424


                      Auf einmal war er nicht mehr zu sehen und die musizie-

05        engeln um die Backen geschlagen hatten, daß es klatschte.

10        Eltern, wo ein dichter Schatten von Bäumen lagerte, eine Zelle,

15       darin, die Glieder still und steif zu halten; sobald nur ein Ton

20        welches sie zuweilen, ehe sie sich dessen versah, zu einem kleinen

25        siedelei unter den Bäumen wie einen Augapfel. Viele kamen,

30                  So brachte sie drei Jahre in ihrer Klause zu; aber gegen



S. 425

05        liege im Sterben. Sie hatte sich das dunkle Bußkleid aus-

10        Bäume sanken von allen Seiten hernieder. Aber unversehens

15        deckte sich mit Blumen und ein rosenfarbiger Schein lagerte sich

20        Glanzes und jedermann konnte hineinsehen. Da sah man

25        empfing die Gestalt der seligen Musa vor den Augen aller

30        war es, was zwar vom heiligen Gregor von Nyssa bestritten,


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05       zu Ende und die himmlischen Heerscharen sich zu Tische setzten,

10        gelium sorgte in eigener Person für sie, hatte ihre schönste

15        scheuen Pierinnen heiter begrüßten und sich zu ihnen gesellten,

20       auch die kleinen Musikbübchen und schmeichelten den schönen

25        Tisch herum, nicht ohne der lieblichen Erato einen Augenblick

30        kranze zärtlich auf den Mund, als sie ihr beim Abschiede zu-



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05       Lobgesang ein, dem sie die Form der im Himmel üblichen

10                  Als nun der nächste Festtag im Himmel gefeiert wurde

15       er so düster, ja fast trotzig und rauh, und dabei so sehnsuchts-

20       stürzt eilten alle Aeltesten und Propheten herbei, indessen die

25        Trinität selber heran, um zum Rechten zu sehen und die

30       durften ihn seither nicht wieder betreten.



20.9.2004 / W. Morgenthaler