Die Weihnachtsfeier im Irrenhaus
   

Inhalt

 
   
 


Dieser Bericht Kellers erschien anonym in der Neuen Zürcher-Zeitung, Nr. 16, 11.1.1879. Es handelte sich um eine indirekte Stellungnahme Kellers zugunsten des wegen öffentlichen Anfeindungen zurückgetretenen medizinischen Leiters der kantonalen Irrenanstalt Burghölzli, Eduard Hitzig. Am 27.12.1878 war in der Zürcherischen Freitagszeitung ein Artikel erschienen, der eine von Keller (mit)initiierte Anerkennungsadresse für Hitzig abdruckte und dabei Keller gegen Anfeindungen in Schutz nahm. Im Nachlaß liegen auch zwei Konzepte für eine Komödie oder Posse über die Ereignisse (vgl. HKKA 18, Nr. 29).

 
Bericht

 
Zürcherische Freitagszeitung, 27.12.1878

Professor Dr. Hitzig im Burghölzli.

– Es war zu befürchten, daß die kühne Ausbeutung des erstinstanzlichen Urtheils durch die dem alt Verwalter Schnurrenberger verschriebene Presse*, obschon kein innerer Zusammenhang bestund, doch sowohl der Adresse an Hrn. Direktor Hitzig, als dem Fackelzuge der Studirenden zu dessen Ehren, Eintrag thun könnte. Keines von Beiden ist eingetroffen. Die Adresse wurde von den ehrenwerthesten Männern zu Hunderten unterzeichnet, und an dem Fackelzuge, der so glänzend ausfiel, wie selten einer, nahmen gegen 300 Studenten Theil, und die Tausende von Zuschauern, die stundenlang im kalten Schnee vor dem Hotel Baur gewartet hatten, stimmten dennoch warm und laut in das Hoch auf den gefeierten Mann ein; – ganz schwache Versuche zu Störungen wurden kaum bemerkt. In den verschiedenen An- und Gegenreden sowohl am Fackelzuge selbst, als nachher am Bankette stellte es sich heraus, daß die Ovation ebenso sehr, wie dem Manne der Sache galt, die er vertreten hatte, daß sie also auch als ein Protest gegen eine schmähliche Clique und gegen die von derselben benutzte Presse – voran Weinländer und Zürcher Volksblatt – aufzufassen sei.

(* Jakob Schnurrenberger, der Verwalter der Anstalt, war der Hauptexponent im Kampf gegen Eduard Hitzig. )



20.9.2004 / W. Morgenthaler