Prosa
     

Texte

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Äußerungen zu Kellers Prosa

     
 
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In der kleinen Stadt N. ...

In der kleinen Stadt N. ...

In der kleinen Stadt N. wuchs auf solche Weise ein Eiszapfen vom Dache des Kirchthurmes bis auf die Erde herunter und fror an derselben fest, also daß eine Säule von lauterem Eis neben dem Thurme stand. Weil aber die muthwillige Schuljugend den Zapfen täglich unten beleckte, so befürchtete man, er möchte dadurch unterhöhlt werden und mit Schaden über die Stadt hinstürzen, und der Stadtrath gebot deshalb, denselben bis zu zweidrittel seiner Höhe in Stroh einzubinden. Als nun die Wärme die Oberhand gewann, schmolz der Zapfen unschädlich bis zur Höhe des Strohes, der übrige Theil wurde mit Vorsicht umgelegt, daß er über den ganzen Kirchhof hinlag und die fröhlichen jungen Bursche weißsagten nun, je nach der kürzeren oder längeren Dauer der umgestürzten Säule würde es in diesem Jahrgange mit der Hartnäckigkeit der jungen Jungfern beschaffen sein. Die Mädchen widersetzten sich dieser Weißsagung heftig, waren aber ängstlich begierig, wie es mit dem Eiszapfen ginge, welchen die Bursche allnächtlich mit Feuerbränden bearbeiteten, während sie am Tage aussprengten, die Jungfern hobelten ihn trotz aller Gespensterfurcht alle Mitternacht mit heißen Bügeleisen, um ihr Schicksal zu beschleunigen.


 

Dieser Text stammt aus der ersten Niederschrift von Kellers Seldwyla-Erzählung Der Schmied seines Glückes. Er wurde bei der Überarbeitung gestrichen. In Bd. 21 der HKKA ist erstmals die ganze frühe Fassung abgedruckt.

Kleines editorisches Detail: In der Ausgabe des Deutschen Klassiker Verlags (DKV, Bd. 4) und in der Birkhäuser Ausgabe, die diese Episode auch präsentieren, heißt die märchenhafte Stadt „R.“ statt „N.“

 

 
Kartoffelgeschichten

aus der Hulda-Episode des Grünen Heinrich (2. Fassung):

So spiesen wir denn vertraulich und waren guter Dinge; nur wollte das anziehende Wesen nicht von den Kartoffeln nehmen, die ich zu den Karbonaden, die sie gewünscht, bestellt hatte. Vielmehr sagte sie, es scheine, daß ich noch nie einen Schatz besessen, ansonst mir bekannt wäre, daß Arbeitsmädel, wenn sie Feiertags zum Vergnügen gehen, keine Kartoffeln essen wollen. Wie ich das wissen könne, fragte ich, und was denn das für ein Geheimnis sei?
Weil sie die Woche hindurch sich fast nur von Kartoffeln nähren und davon genug bekommen! erklärte sie. Ich drückte mein Mitleid aus, ohne zu gestehen, daß ich schon schlechtere Tage gesehen; denn das hätte mir ihre Achtung schwerlich erworben, wie ich wenigstens dachte. (GW 1889 III, S. 86)

und eine Episode vom Beginn der Jugendgeschichte im Grünen Heinrich:

Der Mensch rechnet immer das, was ihm fehlt, dem Schicksale doppelt so hoch an, als das, was er wirklich besitzt; so haben mich auch die langen Erzählungen der Mutter immer mehr mit Sehnsucht nach meinem Vater erfüllt, welchen ich nicht mehr gekannt habe. Meine deutlichste Erinnerung an ihn fällt sonderbarer Weise um ein volles Jahr vor seinen Tod zurück, auf einen einzelnen schönen Augenblick, wo er an einem Sonntag Abend auf dem Felde mich auf den Armen trug, eine Kartoffelstaude aus der Erde zog und mir die anschwellenden Knollen zeigte, schon bestrebt, Erkenntnis und Dankbarkeit gegen den Schöpfer in mir zu erwecken. Ich sehe noch jetzt das grüne Kleid und die schimmernden Metallknöpfe zunächst meinen Wangen und seine glänzenden Augen, in welche ich verwundert sah von der grünen Staude weg, die er hoch in die Luft hielt. Meine Mutter rühmte mir nachher oft, wie sehr sie und die begleitende Magd erbaut gewesen seien von seinen schönen Reden. (GW 1889 I, S. 227)

Gleichsam zwei Kommentare zur Kartoffelfrage; vgl. dazu die Berichte zur Kartoffelkrankheit von 1845:

Möchte mein Beispiel und meine Beobachtungen die Vorurtheile beseitigen, durch welche die arbeitende Klasse eines seiner köstlichsten Nahrungsmittel könnte beraubt werden.  

 

 
Träume

Liebesspiegel

(aus den Entwürfen zu einem geplanten Gedichtzyklus)

 

Aus Kellers Traumbuch (15.9.1847)

(HKKA 18, S. 101-109)

 

 
Äußerungen zu Kellers Prosa

Friedrich Nietzsche an Keller, 14.10.1886
Friedrich Nietzsche, in „Menschliches, Allzumenschliches“ (Aph. 109 ).
Friedrich Nietzsche. Nachgelassene Fragmente. In: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe, Band 12, S. 540.
Walter Benjamin: Gottfried Keller. Zu Ehren einer kritischen Gesamtausgabe seiner Werke. In: Angelus Novus. Frankfurt a. M. Suhrkamp 1966, S. 388 f., 391.
Ernst Bloch: Über ein Gleichnis Kellers. In: Literarische Aufsätze,
Werke, Band 9, S.579 f.
Theodor Fontane an Kellers Verleger Wilhelm Hertz, 13.5.1889 (Cotta Archiv, Fasz. 11 Nr. 29)
Herbert Marcuse: Der deutsche Künstlerroman. In: Schriften. Bd. 1, S. 210 ff.




9.11.2005 / W. Morgenthaler