Gesammelte Gedichte I (VIII.)

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Gesammelte Gedichte
von
Gottfried Keller.


Erster Band.


VIII.

Festlieder und Gelegentliches.


An das Vaterland.

O mein Heimatland! O mein Vaterland!
Wie so innig, feurig lieb' ich dich!
Schönste Ros', ob jede mir verblich,
Duftest noch an meinem öden Strand!

Als ich arm, doch froh, fremdes Land durchstrich,
Königsglanz mit deinen Bergen maß,
Thronenflitter bald ob dir vergaß,
Wie war da der Bettler stolz auf dich!

Als ich fern dir war, o Helvetia!
Faßte manchmal mich ein tiefes Leid;
Doch wie kehrte schnell es sich in Freud',
Wenn ich einen deiner Söhne sah!

O mein Schweizerland, all' mein Gut und Hab!
Wann dereinst die letzte Stunde kommt,
Ob ich Schwacher dir auch nichts gefrommt,
Nicht versage mir ein stilles Grab!

Werf' ich von mir einst dies mein Staubgewand,
Beten will ich dann zu Gott dem Herrn:
„Lasse strahlen deinen schönsten Stern
Nieder auf mein irdisch Vaterland!“


 

Wegelied.

Drei Ellen gute Bannerseide,
Ein Häuflein Volkes, ehrenwert,
Mit klarem Aug', im Sonntagskleide,
Ist alles, was mein Herz begehrt!
So end' ich mit der Morgenhelle
Der Sommernacht beschränkte Ruh'
Und wand're rasch dem frischen Quelle
Der vaterländ'schen Freuden zu.

Die Schiffe fahren und die Wagen,
Bekränzt, auf allen Pfaden her;
Die luft'ge Halle seh' ich ragen,
Von Steinen nicht noch Sorgen schwer;
Vom Rednersimse schimmert lieblich
Des Festpokales Silberhort:
Heil uns, noch ist bei Freien üblich
Ein leidenschaftlich freies Wort!

Und Wort und Lied, von Mund zu Munde,
Von Herz zu Herzen hallt es hin;
So blüht des Festes Rosenstunde
Und muß mit goldner Wende fliehn!
Und jede Pflicht hat sie erneuet,
Und jede Kraft hat sie gestählt
Und eine Körnersaat gestreuet,
Die nimmer ihre Frucht verhehlt.

Drum weilet, wo im Feierkleide
Ein rüstig Volk zum Feste geht
Und leis die feine Bannerseide
Hoch über ihm zum Himmel weht!
In Vaterlandes Saus und Brause,
Da ist die Freude sündenrein,
Und kehr' nicht besser ich nach Hause,
So werd' ich auch nicht schlechter sein!


 

Die Landessammlung zur
Tilgung der Sonderbundskriegsschuld 1852.

Wohl dehnen endlos Steppen sich,
drauf dünnes Volk gesäet,
In dessen Hirn ein leichter Geist
wie Sand vorm Auge wehet;
Doch unser Land ist eng und hoch
zum Himmel aufgetürmt,
Darinnen hat ein groß Geschick
schon manches Mal gestürmt.

Und dieses Schicksals nennen wir
mit Fug uns selbst die Schmiede;
Wir feilen sechs Jahrhundert schon
am selben alten Liede,
Bald sacht und leis, bald laut und rauh,
wie es der Zeiten Lauf;
Und mehr als einmal sprüht' es heiß
von Feil' und Hammer auf!

Das Sprühen ist der Bürgerkrieg,
der Völker Fluch geheißen;
Doch festet es ein gut' Metall,
wo schwache Ketten reißen.
Gerade weil wir Schmiede sind,
so schmieden wir in der Glut,
Die Pflugschar in der eig'nen Ess',
das Glück aufs neue gut!

Die rechte Faust im Bürgerkrieg
verkrallt und festgebunden,
Hat doch die link' den fremden Feind
dort kämpfend überwunden,
Wo bei Sankt Jakob an der Birs
ein Mann auf zehen kam,
Die sterbend zur Gesellschaft er
mit sich zum Hades nahm.

Nicht solcher Thaten rühmen wir
uns, die wir heute leben;
Jedoch, ist leichter uns're Hand,
ist geistiger auch das Streben.
Und zankten wir, und brauchten wir
die Ratio ultima,
So sind nun alle überzeugt
und alle sind noch da!

Wir stritten nicht um Geld und Gut
und nicht um Land und Leute;
Die Leute waren wir alle selbst,
ein neuer Bund die Beute,
Ein neues Recht, ein neues Haus,
doch auf dem alten Plan,
Und, außer dem guten Neuenburg,
kein neuer Stein daran!

Der Raum ist eng, die Seelen fest:
hie alte – hie neue Zeiten!
Erscholl's und blutig maßen sich
die Mehr- und Minderheiten.
Doch nun der Streit gestritten ist,
so sind wir wie Ein Mann,
Ein Mann, der sich bezwungen hat,
und niemand geht's was an!

Wir teilten in die Arbeit uns
als werkerfahr'ne Geister;
Doch keiner hat nun Knechteslohn
und alle sind wir Meister!
Was soll nun noch das Schuldenbuch,
der schnöde Kostenpunkt?
Ein Wicht, der sich bezahlen läßt
das Glück, womit er prunkt!

Wie der Prozeß im Volk begann,
als es zum Krieg gepfiffen,
So sei nun diese Sühne auch
zuerst vom Volk ergriffen!
Du Schreiber in der Halle dort
zerreiße flugs den Wisch,
Denn sieh', schon drängt sich Kind und Greis
um deinen Rechentisch!


 

Abschiedslied.

An einen auswandernden Freund, Dr. Christian Heußer.
1856.

Von Berg und grünen Weiden
Steigt nieder der Genoß,
Und wieder heißt es meiden,
Was treue Lieb' umschloß!
Die letzten Jugendtage
Sind eben nun verrauscht,
Mit rauhem Flügelschlage
Der Wind ein Segel bauscht.

So geh' zu Schiff, Geselle!
Und fahre deine Bahn!
Das mutige Wehen schwelle
Dir alle Segel an!
Doch stet, wie deine Ehre,
Und treulich, wie dein Sinn,
So tragen dich die Meere
Zu der Atlantis hin!

An Weltmeers Silberschäumen,
Durch fernes Palmengrün
Such' nicht in bangem Träumen
Der Heimat Firnenglüh'n!
Doch siehst du bang sich sehnen
Verlaß'nes Schweizerblut,
Da hilf und still' die Thränen,
Das steht den Schweizern gut!

So schreite fest, umwand're
Die Welt an Wundern reich!
Kehr' einst und find' uns and're,
Will's Gott, uns selber gleich!
Du kennst die besten Bande,
Die Altes binden neu:
Bleib' treu dem Vaterlande,
So bleibst dir selber treu!


 

Marschlied
für das ostschweizerische Kadettenfest
1856.

Was eilt zu Thal der Schweizerknab'
Und wandert aus den Thoren?
Er fährt den Strom und See herab,
Was hat er wohl verloren?

Heiho! heiho! er sucht geschwind
Und findet seine Brüder,
Bis hundert und bis tausend sind
Und dreimal tausend wieder!

Hei seht! er schwärmt von Haus zu Haus
Und will schon Eisen tragen!
Sie zieh'n mit Wehr und Waffen aus
Und auch mit Stück und Wagen.

Und auf des Herbstes goldner Au'
Erglänzt in langen Zügen
Der Jugend kecke Heeresschau
Und ihre Fahnen fliegen.

Von hundert Trommeln ist der Klang
Zum Vorgeh'n dumpf zu hören;
Das Blachfeld hier und dort entlang
Wallt Rauch aus tausend Röhren.

Der Eidgenossen Oberst schlägt
Zufrieden an den Degen;
Er ruft, von frohem Mut bewegt:
Die Saat, die steht im Segen!

Und wie im hohen Schweizertann
Die alte Brut gesungen,
So, wehr' dich, guter Schweizermann!
So pfeifen auch die Jungen!


 

Schweizerdegen.

Tischlied am Jahresfest der schweizerischen Militärgesellschaft 1857.

Heißt ein Haus zum Schweizerdegen,
Lustig muß die Herberg sein;
Denn die Trommel spricht den Segen,
Und der Wirt schenkt Roten ein!
Kommen die Gäste, schön' Wirtin, sie lacht,
Sie hat schon manchen zu Bette gebracht!

Ist kein Volk fast allerwegen,
Was da nicht schon eingekehrt,
Und der Wirt zum Schweizerdegen
Hat den Eintritt nie verwehrt,
Hat dann die blutige Zeche gemacht,
Daß die Frau Wirtin vor Freuden gelacht.

Zwei und zwanzig Schilde blitzen
Von dem Giebel weit zu Thal;
Zeug- und Bannerherren sitzen
Harrend in dem hohen Saal,
Lauschend, bis jauchzend die Mutter sie ruft
Und von den Schilden erklinget die Luft.

Und auf allen Weg' und Stegen
Steht es auf zu Berg und Thal;
Hört, es klingt der Schweizerdegen,
Hört, es singt der alte Stahl!
Thut ihm genug und erprobt ihn vereint!
Besser, das Mütterchen lacht, als es weint!

Wo in Ländern, schön gelegen,
Wo in altgetürmter Stadt
Schweizerherz und Schweizerdegen
Die gemeine Herrschaft hat,
Da ist die Mutter, so hold und so fein,
Lacht sie, so wird's Frau Helvetia sein!


 

Eröffnungslied
am eidgenössischen Sängerfest 1858.

Wir haben hoch im Bergrevier
Den Tannenwald gehauen,
D'raus euch in rot und weißer Zier
Das Wanderzelt zu bauen.
Herein, was nun die Halle faßt,
O Schweizerkind! Du deutscher Gast!
Und wie's im Bergwald kühn erklang,
Laßt rauschen hier den Männersang!

Die grauen Adler schrieen wild,
Seit wir zuletzt gesungen,
Da ist der Freiheit Silberschild
Gar hell und rein erklungen!
Wir kehrten ein ins eig'ne Herz,
Da löst sich jeder Groll und Schmerz,
Da hatte sich die Treu' gelohnt,
Der Rat, der stät im Manne wohnt.

Es ward geraten, ward gebraut
Auf aller Herren Gassen;
Doch jeder that da, still wie laut,
Was er nicht konnte lassen!
Ein Mehrer seines Reichs zu sein,
Dünkt sich der Fürst im roten Schein;
Wir mehrten nur im Heimatland
Den Menschenwert mit reiner Hand!

Erhebt die Stimmen froh und hell!
Ringt um des Preises Schale!
Dann setzt euch an den Purpurquell,
Singt abermals beim Mahle!
Und singt: das Land ist eben recht,
Ist nicht zu gut und nicht zu schlecht,
Ist nicht zu groß und nicht zu klein,
Um drin ein freier Mann zu sein!


Wie grüne Au'n im Firnenschnee
In alter Zeit verschwunden,
So hat noch jedes Volk das Weh
Des Endes auch empfunden;
Doch trotzen wir dem Untergang
Noch langehin mit Sang und Klang!
Noch halten wir aus eig'ner Hand
Dich hoch empor, o Vaterland!


 

Das neue glückhafte Schiff.

Erinnerung an die Lustfahrt, welche am Schlusse des eidgenössischen
Gesangfestes 1858 zu Ehren der elsässischen Sänger auf dem Zürichsee
stattfand. Auf dem Schiffe glänzte vor allem das von Straßburg
den Zürchern gebrachte Geschenk eines schönen Trinkhornes, das jetzt
die Stadtbibliothek bewahrt.

Die Freundschaft fuhr auf klaren Wogen,
Das Schiff war wahrlich gut bemannt!
In heitrer Luft vereinigt flogen
Die alten Banner wohlbekannt;
Und aus der Tiefe rauscht' die Sage
Verwundrungsvoll ans Licht empor,
Sie, die im Glanz verschwund'ner Tage
Einst auf dem Rhein zum Festgelage
Sah fahren schneller Männer Chor.

Wir hoben singend aus den Wellen
Die viermal hundertjährge Fee;
Sie schaute lachend uns Gesellen,
Das Glanzgestad', den blauen See;
Sie sah ein Kleinod leuchend schwenken,
Das Horn in Gold und Elfenbein,
Wie's reiche Treu' nur kann erdenken,
Als gält' es, Helden draus zu tränken, –
Das blitzt im Julisonnenschein.

Sie neigte trinkend sich zum Horne
Und wurde jung vom goldnen Schaum;
Begeistert rief die schöne Norne:
„Es ist ein Traum und doch kein Traum!
So seid ihr Männer von den gleichen,
Die ich zusammen einst geführt,
Von jenen mut- und freudereichen,
Die da nicht wanken und nicht weichen,
Wo keck zu leben sich's gebührt?“

Wohl sind wir andre, doch wir wohnen
Im Haus, das jene aufgebaut;
Noch hüten wir die Mauerkronen,
Von denen jene ausgeschaut.
Wir hoffen, da noch Trauben reifen,
Es jenen Alten nachzuthun,
Ein gutes Ziel nicht bloß zu streifen,
Das Steuer recht und fest zu greifen
Und niemals vor der That zu ruh'n!

Nun stieg ein Eiland aus den Fluten,
Da sprang die Freundschaft an den Strand;
Wir knüpften neu der Wohlgemuten
Im Grünen jedes schmucke Band.
Manch schönes Aug' war zu gewahren
Im holden Hin- und Wiedergeh'n;
So mögen noch der Enkel Scharen
Die Flut des Lebens froh befahren
Und unsre Städte fortbesteh'n!


 

Ufenau.
1858.

Von den Züricher Studenten anläßlich einer festlichen Fahrt nach
Ulrichs von Hutten Grabinsel gesungen.

Hier unter diesem Rasengrün,
Wo wir in Jugend steh'n,
Da liegt ein Ritter frei und kühn,
Wie keiner mehr zu seh'n!
Er floh herein vom römischen Reich,
Trug einen Lorbeerkranz,
Das Antlitz zorn- und kummerbleich,
Das Aug' voll Sonnenglanz!

Und wo die Well' den Blumenstrand
In holder Minne küßt,
Warf er sein Schwert auf sich'res Land
Und rief: sei mir gegrüßt!
In schwerer Not sank er dahin,
Zerbrochen das Gebein;
Doch glühte noch sein starker Sinn
Im Tod wie junger Wein.

Nun weht sein Schatten um uns her,
Nun ruft sein Geist uns zu:
„Ich war ein Schiff auf wildem Meer,
Ich kannte keine Ruh;
Ihr wißt, was ich gestritten hab'
Und was gelitten auch;
Doch stieg' ich nochmals aus dem Grab,
Uebt' ich den gleichen Brauch!“

„Die Qual verfliegt, die Sorg' ist klein,
Nun bin ich unbeschwert;
Die besten Freunde nannt' ich mein
Und fand mich ihrer wert!
Ihr lieben Brüder, wagt es nur
Und acht't die Not gering!
Das Elend zeigt die goldne Spur,
Wo sich ein Held erging!“

Du lichter Schatten, habe Dank,
Gut sprach dein kühner Mund!
Und wem der Sinn von Zweifel krank,
Der wird an dir gesund!
Wie diese lustige Silberflut
Dein Grab so hell umfließt,
So uns dein nie geschwundner Mut
Das frohe Herz erschließt!


 

Schütz im Stichfieber.
1859.

Geh', gewinn' mir Geld ins Haus!
Sprach das böse Weib zum Schütz;
Er gewann, in Saus und Braus
Bracht er's durch, der gute Schütz;
Denn er dacht', noch mancher Schuß
Bleibt mir für das böse Weib,
Bleibt mir für den Hausverdruß –
Jetzo gilt's dem Zeitvertreib!

Becher, Uhr und blankes Geld,
Alles schlug er durch, der Schütz,
Manchen Beutel leert der Held,
Stets gewann er neu, der Schütz,
Schenkt die Uhr der schönen Dirn'
Recht zum Hohn dem bösen Weib;
In den Bechern klar und firn
Perlt' der Wein zum Zeitvertreib.

Also trieb er's Tag und Nacht,
Bis zu End' das große Fest
Und die bitt're Reu' erwacht,
Weil er denkt ans Drachennest,
Wo der böse Drach' ihm haust,
Der nur Gold und Silber frißt;
Und dem guten Schützen graust,
Da er die Gefahr ermißt.

Blieb ihm noch ein Schuß zur Hand
Und noch zehn Minuten Zeit
Für den Stich ins „Vaterland“ –
Ach wie scheint die Scheibe weit!
Hell vom Tempel blinkt der Gruß
Goldgefüllter Silberschal':
Sie gewinn' ich, weil ich muß,
Denn es bleibt mir keine Wahl!

Vater Tell im Himmelszelt!
Bied'rer Schütz in Gottes Schoß!
Lenk' dein Falkenaug' zur Welt,
Hilf mir, denn die Not ist groß!
Mach' den Willen fest und frei,
Reglos sicher meine Hand!
Sind die Zeiten denn vorbei,
Da man Meisterschüsse fand?

Und er schlägt bedächtlich an,
Zielet lang, der gute Schütz;
Was verwirrt ihm Sinn und Plan?
Setzt er ab, der gute Schütz?
Und er starret bleich und fremd,
Starret sprachlos nach der Scheib' –
Denn im roten Zeigerhemd
Sah er gaukeln dort sein Weib.

Niemand sah's, als er allein,
Und er sieht's, so oft er zielt!
Macht's die Angst, ist es der Wein,
Der ihm das Gehirn bespült?
Zweimal, dreimal schlägt er an,
Zitternd stark am ganzen Leib –
Immer tanzt auf grüner Bahn
Grad' im Schuß das rote Weib.

Und die Sippe kommt zur Stell',
Freunde, Vettern rings herum,
Büchsenmeister und Gesell,
Lader, Warner grad' und krumm!
Ei welch' ein berühmter Schütz,
Der so viel Clienten hat,
Die ihm dienlich sind und nütz,
Jeder gibt ihm guten Rat.

Dieser untersucht das Schloß,
Jener dreht ein Schräubchen an,
Der gebietet Ruh dem Troß
Und ein and'rer spannt den Hahn,
Und der fünfte flößt ihm Mut,
Doch der sechste stellt sich bang,
Und der sieb'te hält den Hut
Vor den Sonnenuntergang!

Endlich doch ermannt er sich,
Zielt in Wut, der gute Schütz,
Und die Freunde, feierlich,
Sie umsteh'n den kühnen Schütz,
Und er sieht das böse Weib,
Schließt die Augen – sei's weil's muß!
Und er drückt – fort ist das Weib
Und zum Teufel ist der Schuß!

Eben dröhnt Kanonenknall,
Feierabend Schütz und Rohr!
Tausendfacher Gläserschall!
Klangvoll schließt des Tages Thor!
Klanglos mit gebeugtem Mut
Heimwärts wallt der arme Wicht –
Sich zur Freude schoß er gut:
Für den Geiz gelang's ihm nicht.


 

Becherlied
auf das eidgenössische Sängerfest in Chur 1862.

Der Traube Saft behagt dem Mund,
Doch Müh' erheischt der edle Wein,
Und blitzt des Bechers köstlich Rund:
Sein Silber will gegraben sein;
Dann harret erst noch auf das Erz
Des Schmiedes kunsterfahr'ne Hand,
So ähnlich reift des Mannes Herz
Entgegen seinem Vaterland.

So schwebt das Lied wie Glockensang
Durch heit're Sommerluft einher
Und kündet laut, daß winterlang
Dem Sänger keine Müh' zu schwer.
Drum schafft, bis aus dem Becher blinkt
Der Männer Ehre schön verklärt
Und keiner mehr aus Silber trinkt,
Der nicht des Weins und Silbers wert!

Wie Glück und Glas so leicht zerbricht,
Nur etwas später bricht das Erz,
Die Schale schmilzt – die Seele nicht,
Sie glüht bewegend Herz um Herz.
Die höchsten Tempel stürzen ein,
Des Werkmanns reiche Hand verdorrt,
Verwildert stirbt am Berg der Wein –
Doch alles lebt im Liede fort.

Und wo sein ferner goldner Ton
Aus Trümmern neue Völker hebt,
Blüht auch die neue Rebe schon
Und ihre Ranke spinnt und webt;
In Wäldern trinkt am Felsenquell
Das Hirtenkind aus hohler Hand
Bis wieder bringt aus Bechern hell
Der Mann sein Hoch dem Vaterland!


 

Gedächtniß an Wilhelm Baumgartner,
Gesangführer und Tondichter,
gest. 1867.

Gesprochen am schweiz. Musikfest 1867.

Haltet, Freunde, eine kurze Weile
Auf des Festes hellen Silberwogen,
Daß noch einmal zu erscheinen eile
Euch der Freund, der unlang fortgezogen,
Als der junge Lenz im Lande war,
Fort zu der Gewes'nen stiller Schar.

Still und freundlich kommt er aus der süßen
Ruh' der ew'gen Nacht herangegangen,
Still und freundlich will er schnell euch grüßen,
Noch sein Lächeln auf den bleichen Wangen,
Will noch rasch in eure Freude seh'n
Und zufrieden wieder heimwärts geh'n.

Grüßt das traute Bild nur traulich wieder,
Grüßt den Schatten, der euch nicht erschreckt!
Grüßt ihn mit dem Klange seiner Lieder,
Der so oft euch das Gemüt erweckt!
Und von euern Kränzen reich belaubt
Leget einen auf sein gutes Haupt!

Mancherlei sind unsers Volkes Gaben;
Denn auch mancherlei hat es zu thun,
Und beim harten Ringen, wie zum Ruh'n
Muß es einen guten Spielmann haben,
Der, wenn Sichel, Schwert und Hammer klingt,
Stets dazu die rechte Weise singt.

Unser Spielmann war er treu und klug,
Meister Wilhelm mit der rechten Weise,
Und sein Sinn wie froher Fahnenflug,
Und sein Herz ertönte laut und leise!
Lenz- und sommerlang, sein Spiel zur Hand,
Ging er treulich mit dem Vaterland.

Mit dem Vaterland und allen Freien
Ging er stets dem gold'nen Licht entgegen;
Freiheit, Licht und Wohlklang, diesen dreien
Galt der Takt von seines Herzens Schlägen.
Was er that, das that er recht mit Fleiß,
Und beim Schmieden war sein Eisen heiß.

Neulich sahen wir in Sommerstunden,
Wie der Schnee auf grünen Linden lag,
Von der Last das Aehrenfeld gebunden
Niedersank vor seinem Erntetag;
Schlimmes Jahr! so sank der Sänger nieder –
Hier sein Schatten noch und seine Lieder!

Ein Gedenken noch und seine Lieder,
Alles, was uns bleibt, und doch genug!
Fröhlich heben wir die Fahnen wieder,
Und es ruft aus ihrer Falten Flug
Seine Stimme wie in Abendglut:
Lebt und singt, doch singet fein und gut!


 

Auf das eidgenössische Schützenfest.
1872.

Im Laube weht der Sommerwind
Und über das Halmenmeer,
Da naht mit ihrem Festgesind,
Die Fahne freudenschwer!
Da wallt das Völklein Wohlgethan,
Der Schalk zieht mit dem Biedermann
Froh hinter ihr einher.

Halt! Steckt das Banner auf den Turm:
Hie Schweizerland zehn Tag',
Zehn Tage lang Gemütersturm
Und Vaterlandsgelag!
Doch in der Brandung lautem Spiel
Sucht still der Schütz sein altes Ziel,
Der Schütz vom alten Schlag.

Ihr andern aber heuchelt nicht
Und gebt euch, wie ihr seid,
Und eh' das Herz vor Schweigen bricht,
Verkündet euer Leid!
Der Weise spreche warm erregt,
Der Schwätzer schwatze tief bewegt
In seinem Narrenkleid!

Und zürnt ihr, sei die Hand geballt
Von echtem Freundeszorn:
Sie öffnet sich, sobald erschallt
Das alte Wunderhorn!
Wir dürsten all' nach Einem Trank
Und baden alle, wenn wir krank,
In Einem klaren Born!

Die Freiheit gibt sich nicht in Pacht,
Sie folgt nicht Einem Mann
Und hat noch immer den verlacht,
Der sie zu fangen sann,
Das einz'ge Weib, dem gut es steht,
Wenn es mit tausend Männern geht,
Vertraut in Ring und Bann.

Die wilden Rosen auf dem Hut,
Läßt sie die Augen geh'n;
Dann braust verwirrt der Männer Blut,
Daß sie sie doppelt seh'n.)
Und wie das Volk im Streite ringt,
Sie ordnend ihre Fahne schwingt
Und läßt's im Reih'n sich dreh'n.

Nun seid gegrüßet Mann für Mann,
Die Festfanfare schallt!
Nun treib' es jeder, wie er's kann,
Ein Rufer in den Wald!
Getrost vergeßt des Tages Not,
Bis daß im zehnten Abendrot
Der letzte Schuß verhallt!


+) Das Land war zur Zeit durch die politischen Gegensätze
namentlich des Föderalismus und Centralismus bei Erneuerung der
Bundesverfassung aufgeregt, sowie durch die Fragen der Beseitigung
der confessionellen Schranken im bürgerlichen Leben.


 

Schlußgesang
am Volkstage in Solothurn für Annahme der
abgeänderten Bundesverfassung.
1873.

Schließt auf den Ring, d'rin wir im Frieden tagten,
Aus treuer Brust entbietend unsern Rat!
Die Zweifel flieh'n, die lang am Herzen nagten,
Und mit uns schreitet froh der Geist der That.
Es muß, laßt's laut erschallen,
Die letzte Zwingburg fallen!
Dann wall' empor aus deiner dumpfen Gruft,
O Seele, frei, wie Gottes goldne Luft!

Von Bergen rauscht's wie unsichtbare Fahnen,
Von Flühen ruft's wie leise Geisterwacht;
Gelagert lauscht das Schattenheer der Ahnen,
Die uns den Leib von Ketten freigemacht.
Nun tönt ihr Sang hernieder
Und hallt vom Felsen wieder:
Laß dich nicht reu'n, lebendiges Geschlecht,
In deiner Zeit zu finden auch dein Recht!

Thut auf den Ring und zieht ihn weit und weiter
Durch tausend Boten über Berg und Thal!
Bald glüht der Bund und flammet stät und heiter
Den Völkern all ein friedlich Feuermal.
Was schlecht ist, soll zerrinnen,
Die Lüge nicht gewinnen!
Ein furchtlos Herz und off'ne Bruderhand
Gewinnt den Sieg im alten Heimatland!


 

Prolog
zur
Schillerfeier in Bern 1859.

Nachdem wir nun begraben, was das letzte
Jahrhundert, das wir lebten, groß gemacht
Und reich, an Schicksal wie an Thaten,
An hochgespanntem Denken und Empfinden,
Daß hier in einer Nacht die Haare bleichten
Und dort ein Tag ein Leben in sich trug
Erhöhten Seins, voll Geisterseligkeit –
So übrigt uns, gleich armen Aehrenlesern,
Die Gräber überspringend, rückzugreifen
Und den erwählten Tagen nachzugeh'n,
Die all' dies Leben uns ans Licht geboren.
Denn nach dem Einzeln messen wir die Menschheit,
Bis uns das Maß der matten Hand entsinkt
Und wir dahingeh'n, ungewiß, ob einst
Das Ganze größer als der Teil wird werden.

Heut ist der Ehrentag der schwäb'schen Mutter,
Die ihre Freude an die Brust gelegt,
Nicht ahnend, was der Welt sie weihvoll brachte.
Ein weis' Gesetz verhüllt, wie aller Liebe,
So auch der unschuldvollen Mütter Auge;
Denn wüßten sie, was sie auf Händen tragen,
So schlüge hochverwirrt ihr weiches Herz
Vor Stolz und Wonne oder auch vor Grauen,
Und stürmisch flöß dem Kind die weiße Nahrung,
Das erste süße Mittel widern Tod.

Doch heute, wo der Tag sich hundertmal
Ruhmvoll erneut und hundertfältig leuchtet,
Heut schau'n wir sehnsuchtsvoll den lichten Mann,
Den jene Sonne uns heraufgebracht,
Und sehen seine morgenrote Bahn
Mit hellem Vorwurf uns herüberglänzen
Auf dieses Brachfeld einer Zwischenzeit.

Und wo im weiten Reich des deutschen Wortes
Und wo es wanderlustig hingezogen,
Sich überm Meer Kraft und Gestalt zu suchen,
Drei Männer sind, die nicht am Staube kleben,
Da denken sie bewegt an Friedrich Schiller
Und mit ihm an das Beste, was sie kennen!
Er aber ruft aus seinem ew'gen Morgen:
Ich steh' euch fest und steh' euch unbezwinglich!
Und hilft's euch nicht, so steh' ich euern Kindern
Und auch den Kindern steh' ich eurer Kinder,
Bis sie gelernt mit reiner, starker Hand
Das alte Sehnen frei sich zu erfüllen
Und meisterlich zu leben wie sie denken!

Wir aber an der Grenzmark seiner Sprache,
Wir hier im alten ehrenreichen Bern,
Der neuen Bundesstadt der Eidgenossen,
Wir rufen seinen Schatten, wohlbewußt
Deß, was wir thun, laut her in uns're Mitte;
Wir richten auf sein Bild in unsern Herzen
Und wissen zwiefach wohl, warum wir's thun!

Zwar lehret nicht die Not des Tages uns
Zu solchen Sternen aus Verzweiflung beten;
Denn treulich fest besteh'n wir unser Dasein
Und hoffen Daseinsrecht auch zu erhärten,
Sobald die Stunde nicht mehr säumt, die drohend
Uns einen Frager vor die Schwelle führt.
Ob wir in unserm Land gelassen hausen,
Ob regen Sinnes in die Ferne schweifen,
Wir schaffen allwärts recht und schlecht das uns're,
Nie rühret uns, was unerreichbar ist.
Auch kitzelt uns nicht müßige Verehrung,
Ein Bild zu schaffen und es anzubeten,
Weil stolz bescheiden wir uns rühmen dürfen:
So manchen guten Mann wir unser nennen,
Die Quelle seines Wertes springt im Volke,
Und was er ist, dankt jeder dieser Quelle.
Und dennoch preisen wir des Tages Helden
Im wohlerwognen Sinn für künft'ge Tage.

Uns hat das Schwert das Vaterland gegründet,
Wie's uns behagt, ein warm gebautes Haus.
Die eig'ne Treu, dazu die Gunst des Himmels,
Ein freundlich Glück im Sturmgewog' der Zeiten
Erhielten uns das Haus mit seinem Wappen.
Doch was der Väter Schwert nachhaltig schuf,
Was der Geschlechter treue Denkart wahrte
Und was des Himmels Sonne hell besiegelt:
Nicht ist es uns ein Bett der trägen Ruhe,
Der Buhlerin des grauen Unterganges!
Nein, rüstig leben wir und thun es kund
Im rastlos wachen Fleiß, der sich ergeht
In Thalesgründen und auf luft'gen Höhen,
Und uns're hurt'gen Wasser treiben lachend,
Das Land durcheilend, tausend schnelle Räder.
Auf allen Meeren schwimmen uns're Güter,
Und wo die großen Völker ihre Märkte
Wetteifernd halten, breitet auch der Schweizer
Rühmlich die reichgehäuften Waren aus.
Zugleich wird fort und fort das alte Schwert
Mit neuem Eifer vorbedacht geschliffen,
Dem ärmsten Mann im Land zu Trost und Freude.
In hellen Sälen wird Vertrag und Recht,
Gesetz und Ordnung forschend ausgebildet,
Wie es das wechselvolle Leben heischt;
Und selbst der Gegensätze zorn'ge Flammen
Besiegt die stärk're Hand des guten Willens,
Der nicht vergeblich in die Schule ging.

Doch ist der Augenblick uns nicht das Höchste!
Drum führt der kinderfrohe Schweizermann
Der Jugend Scharen auf die freien Fluren,
Da läßt er kühn sie in der Sonne spielen,
An Tage sinnend, wo er nicht mehr lebt;
Und denkt er ehrend der Vergangenheit:
Des Landes Hoffnung liebt er wie sich selbst.
Der Enkel Wohlfahrt wägt er als die eig'ne,
Das ist die schönste Krone, die ihn ziert.

Das ist das Wort! und mutig sag' ich es:
Vorüber sind die halbbewußten Tage
Unsichern Werdens und dämon'schen Ringens!
Und freudig sag' ich: unserer Geschichten
Sei nur das erste Halbteil nun gethan!
So gilt es auch, die andre schuld'ge Hälfte
Mit unerschlaffter Hand heranzuführen,
Daß hell das Ende, das uns einst beschieden,
Sich in des Anfangs fernem Glanze spiegle,
Und daß es heißt: was diese werden konnten,
Das haben sie voll Lebensmut erfüllt!
Auf! schirrt die Wagen! bewimpelt eure Schiffe,
Ins Reich der dunkeln Zukunft auszufahren,
Ein einig durchgebildet Volk von Männern,
Das redlich selbst sich prüft und kennt und dennoch
In ungetrübter Frische lebt und wirkt,
Daß seine Arbeit festlich schön gelingt,
Und ihm das Fest zur schönsten Arbeit wird!

Zur höchsten Freiheit führt allein die Schönheit;
Die echte Schönheit nur erhält die Freiheit,
Daß diese nicht vor ihren Jahren stirbt.
Vollkraft und Ebenmaß giebt sie dem Denken
Schon eh' es sinnlich sich zur That verkörpert,
Und knechtisch ist das unschön Mißgestalte
Im Keim verborgener Gedanken schon,
Drum gelt' es uns, ein hohes Ziel zu stellen:
Da nun die niedern Mächte überwunden,
Die gröbern Elemente sich gefüget,
Laßt uns der Schönheit einen Ort bereiten,
Daß sie das Eigenart'ge und Besond're,
Was uns beschränkt, frei mit der Welt verbinde
Und auch bei uns zugleich Gestalt erwerbe,
Sie, die oft heimatlos im Aether wohnt!

Sie klärt des Priesters Wort zur reinen Liebe,
Sie hellt dem Ratsmann trefflich den Verstand,
Sie macht des Kriegers Waffen scharf und glänzend;
Dem Werkmann adelt sie die harte Arbeit,
Erhebt den Kaufmann über die Gefahr,
Sein Herz in seinen Schätzen zu begraben,
Und schützt, wie vor dem Rost des rohen Geizes,
Vor weichlicher Entnervung seinen Sinn;
Und selbst der Leidenschaft, die nimmer stirbt,
Nimmt sie das Gift, das zum Verderben führt.
Um alle windet sie ein Zauberband,
Das gleich uns macht im edlern Sinn des Wortes
Wertvoll und fähig zu der Freiheit Zwecken.

Nicht ist's die Schönheit, die Despoten pflegen,
Der Unterworf'nen blödes Aug' zu blenden,
Mit trügerischem Reiz das Land bethörend!
Und nicht die Schönheit, die verfall'ne Völker
Mit Tonnen Goldes auf dem Markte kaufen,
Zum Histrionendienste sie zu zwingen!
Nicht ist's die Schönheit, die voll Eitelkeit
Und Selbstsucht sich mit Pfauenfedern schmückt
Und wie der Pfau von allen Dächern kräht;
Und nicht die Schönheit, die, das Aug' verdrehend,
Mit matter Salbung schale Heuchler pred'gen,
Die auf den Gassen mit der Halbheit buhlen,
Der Dinge Wesen schwächlich übertünchend,
Und mit dem unerschöpften Redeschwall
Die Kraft zur schönen That im Keim ersticken!
Die Schönheit ist's, die Friedrich Schiller lehrt,
Die süß und einfach da am liebsten wohnt,
Wo edle Sitte sie dem Reiz vermählt
Und der Gedanken strenge Zucht gedeiht!
Die Schönheit ist's, die nicht zum Ammenmärchen
Die Welt uns wandelt und das Menschenschicksal,
Zaghaft der Wahrheit heil'gem Ernst entfliehend –
Nein! die das Leben tief im Kern ergreift
Und in ein Feuer taucht, d'raus es geläutert
In unbeirrter Freude Glanz hervorgeht,
Befreit vom Zufall, einig in sich selbst –
Und klar hinwandelnd wie des Himmels Sterne!
Die Schönheit ist's, die Friedrich Schiller lehrt
Und die mit eig'nen Tagen er gelebt,
Die jugendlich, ein schäumender Alpenstrom,
Die erste Kraft in jähem Felssprung übt,
Dann aber sich vertieft im klaren See
Und auferstehend aus der Purpurnacht
Dem Meer der Ewigkeit und der Vollendung
Kraftvoll mit breiter Flut entgegen zieht!

Ist uns ein Stern und Führer nun vonnöten,
Des Schönen Schule stattlich aufzubau'n:
Er ist der Mann! ihn führen wir herein
In uns're Berge, deren reine Luft
Im Geist in vollen Zügen er geatmet
Und sterbend in ein Lied hat ausgeströmt,
Das uns allein schon eine hohe Schule
Der wahren Schönheit ist, wie wir sie brauchen!
Die das Gewordene als edles Spiel verklärt,
Das seelenstärkend neuem Werden ruft,
Daß Dichtung sich und kräft'ge Wirklichkeit
In reger Gegenspieglung so durchdringen,
Wie sich, wo eine wärm're Sonne scheint,
Am selben Baume Frucht und Blüten mengen,
Bis einst die Völker selbst die Meister sind,
Die dicht'risch handelnd ihr Geschick vollbringen.

Ein großer Torso ist's, den heut wir feiern,
Dem allzufrüh das große Leben brach;
Und unermeßlich ist, was ungeschaffen
Er mit hinab zur Nacht des Todes trug!
Doch jeder Teil von ihm, der uns geblieben,
Birgt in sich eine Welt urweiser Schönheit,
Vollendet ans Unendliche sich knüpfend,
Und lehrt uns so zu handeln, daß wenn morgen
Ein Gott uns jählings aus dem Dasein triebe,
Ein fertig Geistesbild bestehen bliebe.

Was unerreichbar ist, das rührt uns nicht,
Doch was erreichbar, sei uns goldne Pflicht!


 

Prolog
zu einer Theatereröffnung in Zürich.+)
1864.

Halb sorg- halb lustbewegt zieh'n wir das Tuch,
Das leichte, das ein leichtes Spiel verhüllt,
Empor zum niedern Himmel dieser kleinen
Gemalten Welt, ein Spiegel eurer großen.
Von Lust bewegt sind wir, voll anzustimmen
Das endlos stäte, wechselvolle Lied
Des alten Menschenschicksals, dessen Rad,
Wie eine Mühl' am Bächlein, ewig dreht
An ros'ger Quelle herzentströmten Blutes.
Laut mitzusingen diesen alten Sang,
Schon wiegend uns in den gemess'nen Rhythmen,
Zieh'n wir entschlossen rasch den Vorhang weg,
Doch sorgerfüllt auch, weil wir fremd euch sind
Und ungewiß des Beifalls eurer Augen.

Dort, wo die Gärtner ihre Blumen pflegen,
Sagt man vom Flor, der einen Sommer lang
Nur blüht, um dann dem Mutterschoß der Erde
Entrafft zu werden: das ist Sommerflor!
Uns, die wir kommen, wann die Schwalben ziehen,
Und gehen, wann der holde Mai erschien,
Um winterlang an dieser Lampen Licht
Ein kurzes Blütenleben zu entfalten,
Uns nennt man füglich armen Winterflor.
Ja, wann der Sonnenwagen höher steigt
Und abendlich der trüben Lampen spottet,
Dann wandern schon wir wieder in der Ferne,
Und keines weiß, ob es je wiederkehrt.

Denn dieses Haus, auf alten Mauern ruhend,
Es bietet dennoch keinen festen Stab,
An dem ein Kunstgesetz mag dauernd ranken
Und Wurzel fassen in des Volkes Leben,
In seiner Sitte und der reichen Sage
Des Landes, d'rin der Tell einhergeschritten.
Ja, dieses Volk, in reg' empfund'nem Triebe,
Eilt aller Kunst voran und übt sich frei,
Gesetzlos spielend auf den freien Fluren;
Da sieht man oft auf kaum ergrünter Wiese
Ein leicht' Gerüst, drauf unter Frühlingswolken
In bunter Tracht, voll Eifer, es tragieren,
Von seiner eig'nen Menge ernst umringt.
Und schließt die Handlung, so begeh'n die Spieler
Vereint in einem Zuge mit den Hörern
Des Orts Gemarkung feierlichen Schritts;
So freut das Volk der trauten Heimat sich.
Wir aber, fremd, verdrängen Schar um Schar
Uns, niemals heimisch, jede wischt die Spur
Der andern eilig aus, und wen'ge nur
Hört man, schon halb vergessen, flüchtig nennen.

Wie man uns sagt, war hier in diesen Mauern
In alter Zeit ein Schauplatz höh'rer Art;
Die bunte Leinwand uns'rer Scene birgt
Die Pfeiler eines Gotteshauses, d'rin
Das knie'nde Volk in priesterlichem Pomp
Das hehre Spiel der Wandlung Gottes sah.

Verschollen sind und Asche längst die Priester!
Doch seht, hier dicht am Kreuzgang, der noch steht,
Und eingebaut in seine got'schen Bogen,
Der nächste Nachbar klangerfüllter Bühne
Ist das Theater der Gerechtigkeit!
Da sieht das Volk geschworene Richter sitzen,
Die ernst und tief der Menschen Schuld erwägen;
Hört die erstaunliche Beredsamkeit
Und Kunst der Todesfurcht, womit die Schuld'gen
Den Dialog mit ihrem Kläger führen
Und die gelass'nen Zeugen grimmig schelten,
Bis sie besiegt die Maske von sich werfen,
Um Gnade flehend, oder auch mit Ruh',
Die bessrer Sache würdig, untergehn.
Und eine Handlung, grau'n- und schicksalsvoll,
Verdrängt die and're vor entsetzter Menge.
Wohl auch Gelächter füllt den bangen Raum,
Wenn schlimme Thoren um unsäglich Schnödes
Sich noch vor Schwert und Wage trüglich streiten
Und possenhaft dem Richterspruch erliegen.

Und wagen dennoch wir das Musenspiel
An solchem Ort, in solcher Nachbarschaft?
Wenn wir's gesteh'n, sie schrecken uns nicht weg,
Sie mahnen uns, den tiefen Ernst zu suchen,
Der unserm Spiel sein höh'res Recht verleiht.
Uns klingt das Lied des Dichters in den Ohren
Von jenen Kranichen des Ibykus,
Und schauernd fühlen wir den Mut in uns,
Das Herz bewegt, das Trauerspiel zu wagen
Von Menschenschuld und Sühne des Gewissens;
Uns reizt der Wettkampf auch mit der Natur,
Wenn sie durch Leidenschaft den höchsten Stil gewinnt.

Doch wie es euch gefällt! Nicht wir sind es,
Die euch belehren dürfen über euren Sinn.
Gefällt es euch, in heit'rem Wechsel stets
Aus weiter Welt das Neuste herzuholen:
Wohlan, wir selbst sind hier durch diesen Sinn
Und eures Urteils aufmerksam gewärtig.
Wir spielen eure Welt, wie wir's versteh'n
Und wie der Geist uns treibt, und müßten spielen –
Auch wenn kein Augenstern uns freundlich glänzte,
Und dünken uns dabei recht was zu thun!
Vergönnt uns diesen Stolz! er ist das Maß
Der Ford'rung, die wir ehrlich selbst uns stellen.
Dem Guten schenket Nachsicht, das wir geben,
Das Beste noch bedarf der Freundlichkeit;
Und wo wir fehlen, schenkt den Tadel nicht,
Doch seid gerecht, dies ist des Schauers Pflicht!
Und richtet er mit ungeschickter Hand,
So wird er selbst des Spielers Gegenstand!


+) ÷Das Theater in Zürich wird nur im Winter benutzt, unter
jährlichem Wechsel der Schauspieler. Es ist in Schiff und Chor der
ehemaligen Barfüßerkirche eingebaut; an den zum Teil noch erhaltenen
Kreuzgang stößt anderseits der Schwurgerichtssaal.¨


 

Prolog
zur
Feier von Beethovens hundertstem Geburtstag
in Zürich 1870.

Man sagt, daß in der Völkerschlacht,
Wo donnern Stück und Wagen,
In schmelzenden Gesanges Pracht,
Als wär' der schönste Lenz erwacht,
Die Nachtigallen schlagen.

In Busch und Baum die Schlacht entlang,
Verborgen in den Wettern,
Wetteifernd mit Drommetenklang
Und der Gefall'nen Wehgesang
Hört man die Triller schmettern.

Sie halten den Streit für Frühlingslust,
Den Tod für holdes Minnen,
Sind keiner Sorge sich bewußt –
Da fährt das Blei durch ihre Brust
Und reißt das Nest von hinnen.

So war's, als des Jahrhunderts Thor
Aufsprang mit eh'rnen Pforten,
Ein roter Morgen trat hervor,
Mit ihm ein endlos langer Chor
Von blutenden Cohorten.

Was tausendjährig, sank in Staub
Wohl unter ihren Schritten,
Und Glück und Staub des Cäsars Raub,
Er selber dann wie falbes Laub
Knirscht' unter des Siegers Tritten. –

Da saß ein stiller Mann im Land,
Dem war Gewalt gegeben,
Zu wirken mit gefeiter Hand
Ein tausendtönig Zauberband
In das empörte Leben.

Er goß des Wohllauts süßen Wein
Aus über die Wogenheere;
Mocht' noch so laut die Brandung schrei'n,
Doch stärker klang sein Spiel darein,
Wie Orgelton am Meere.

Nicht sorglos wie die Nachtigall
Hat er sein Lied gesungen;
Es war der großen Klage Schall,
Die Menschenherz und weites All
Geheimnisvoll durchdrungen.

Der Klage, die mit höchster Kraft
In Freude dann sich wendet,
Und die, den Sternen kühn entrafft,
Den letzten Kranz der Meisterschaft
Dem sel'gen Sänger spendet.

Vorüber zogen hundert Jahr',
Seit er ans Licht geboren;
Hin ist die Welt, die mit ihm war, –
Noch wandeln seine Sterne klar
Im Aether unverloren.

Noch hallt sein unsichtbares Haus
Und klingt von Meer zu Meere,
Und wieder haus't des Sturmes Graus,
Geharnischt führt der Tod hinaus
Zahllose Völkerheere.

Ein Cäsar liegt – mit gold'ner Zier
Wird sich der Deutsche krönen;
Sein Donner grollt – doch ferne hier
In gold'nem Frieden lassen wir
Des Zaub'rers Lied ertönen.


 

Für ein Gesangfest im Frühling.
1878.

Jetzt ist des Winters grimmer Frost
Entflohen aus den Landen
Und rings der reiche Blumentrost
In Feld und Hag erstanden;
Und singt auch keine Nachtigall
Im weiten Thal mit süßem Schall,
So geh'n wir Leute selber dran
Und stimmen hell das Lenzlied an!

Die Zeit ist rauh und schwer der Tag,
An Not und Neid kein Mangel;
Es zuckt das Herz mit bangem Schlag
Wie's Fischlein an der Angel;
Doch steht die Welt in Sorgen still
Und wenn sich keiner fassen will,
So geh'n wir Leute dennoch dran
Und heben hell das Lenzlied an!

Verschließt des Kummers dunkle Gruft
Und stellet ein das Klagen!
Laßt lieber uns die Maienluft
Mit seidnen Fahnen schlagen!
So treiben wir den Teufel aus,
Schon wird es frei und licht im Haus!
Wir aber reih'n uns Mann zu Mann
Und heben froh das Lenzlied an!


 

Ein Festzug in Zürich.
1856.

Als einst die Luft von Lindenblust
Durchduftet und die Bürgerlust
Darob erwacht und munter war,
Da regt' sich junger Männer Schar
Und strebte menschlich nach dem Ziel,
Sich darzustellen recht im Spiel.
Auch hatt' zu jenen Stunden
Sich bald ein Fest gefunden;
Denn fertig war das Eisenband,
Das mit dem deutschen Nachbarland
Am blauen See die alte Stadt
Wegsam und neu verbunden hat,
Und wurde just der Tag erharrt,
An dem sich that die erste Fahrt.
Es waren zu dem Feste
Geladen schnell die Gäste,
Schon rüst't sich jeglicher Gesell.

Da lehnt auch Meister Heinrich schnell,
Der Cramer ehrlich zubenannt,
Das blanke Schlachtbeil an die Wand;
Den Gurt, mit Kupfer hell verziert,
Woran ihm Stahl und Messer klirrt,
Den weißen Schurz thut er von sich
Und greift zum Stifte; säuberlich
Nimmt er Papier und träumt und sinnt
Und gleich zu zeichnen drauf beginnt.
Denn wißt und seid des Meisters froh,
Seit manchem Jahre treibt er's so:
Wenn sich ein Spiel begeben will,
So steht sein Eifer nimmer still,
In Reim und Bildnis gleich gewandt,
Entwirft und ordnet seine Hand,
Bis frisch die Arbeit ist gethan
Und fröhlich klar des Festes Plan!
Bald sieht man ihn nun walten,
Die Scharen zu gestalten,
Wie jedes Mannes Stand und Tracht
Er weislich zu Papier gebracht.

Jetzt aus der Vorzeit fernen Au'n
Läßt er beglänzte Bilder schau'n;
Dann mischt er kecklich Alt und Neu,
Vergang'ner Zeiten Ehr' und Treu
Und stolzes Fahnenrauschen
Muß nun mit Thorheit tauschen,
Und Schwank und Schalkheit sind zu seh'n
Wie sie dem Ernst zur Seite geh'n.

Auch hat er schon den Lauf der Welt
Mit zarten Kindern dargestellt;
Der Ahnen krieg'risch Prangen
Kam rosig da gegangen;
Dann hüpften Fächer, Degen,
Gepudert allerwegen;
Als Gärtner, Fischer, Jägersmann
Dann sind die Kleinen angethan,
Der Jahreszeiten Wechseltanz
Sieht man in Kinderaugenglanz
Und gold'ner Locken jungem Flug
Vorüberwallen Zug auf Zug.
Das Märchen ward lebendig,
Titania lilienhändig
Schien selber mitzuwirken
In solchen Lenzbezirken,
Und einem Wandelgarten
Von tausend Blumenarten
Glich dann die volkerfüllte Stadt.

Doch jetzo weiß er andern Rat.
Was heut und morgen sturmbeschwingt
Uns auf dem Eisen fliegend bringt
Vom alten trauten Nachbarort,
Wie von der Erde fernstem Port,
Das kommt zumal nun Troß um Troß,
Zu Fuß, zu Wagen und zu Roß,
Und durch des Volkes wogend Meer
Rauscht es von allen Seiten her.
Befremdlich wie die Aventür
Tritt's aus den Häusern jäh herfür;
Hier trabt der braune Wüstensohn
Und dort des Zaren Kind vom Don,
Der Kriegerfürst vom Kaukasus,
Der Häuptling vom Lorenzofluß;
Und was am Nil sich regt und drängt,
Auf Asiens Strömen treibt und mengt,
Wie durch die Luft gefahren,
Ist's hier nun zu gewahren.
Dann aus Italiens Myrtenland
Kommt uns der Schönheit Volk zur Hand,
Der Schnitterinnen brauner Chor,
Korallen rot an Hals und Ohr;
Hispan'scher Majas üpp'ge Schar,
Die dunkle Ros' im schwarzen Haar
Von blüh'nden Knaben dargestellt,
Die trüglich volle Brust geschwellt;
Das drängt sich durch und bleibet steh'n
Und wendet sich im Weitergeh'n
Mit Scherzen hier und dort mit Schlägen,
Wenn sich zu grober Witz will regen.
Zuletzt mit Fiedel, Horn und Baß
Schnurrt es vertraulich durch die Gaß,
Vom Elsaß und vom Schwabenland
Die Bauernhochzeit wohlbekannt.


Und alles woget kunterbunt,
Verworren noch zu dieser Stund',
Und jeder strengt sich eifrig an,
Daß er das Einz'le sehen kann,
Eh' später es der große Zug
Zu flüchtig ihm vorüber trug.
Da gilt es nun zu preisen
Das Wandern und das Reisen
Der Landesart in alle Welt,
Die solch ein Bild zusammenstellt;
Denn leicht wird hier und dort erkannt,
Gar manches echte Prunkgewand;
Des Scheiches Mantel goldbestickt,
Er ward aus Syrien hergeschickt;
Des Japanesen Doppelschwert,
Des Mandarinen Drachenkleid
Und seiner Liebsten Staatsgeschmeid,
Es brachten's uns're Söhne wert
Heimkehrend über manches Meer.
Aus mexikanschen Bergen her
Stammt dort der Sattel silberreich
Und was der Sennor schlank und bleich
Von fremder Tracht am Leibe trägt.
Echt ist auch, was da unbewegt
Der Kurde läßt an Waffen
Bewundern und begaffen.

Lang ist der letzte schon enteilt
Zum Sammelplatz, und harrend weilt
Des Volkes farblos dunkles Meer;
Da plötzlich, wie die Sonne hehr
Aufgeht, erschallt Fanfarenton,
Die Menschenflut bewegt sich schon
Und lichtet ordnend eine Bahn,
Und langsam zieht das Fest heran.

Da kommt es nun, da ist es nun!
Jetzt kann das Auge satt sich ruh'n
Auf Farbe, Glanz und Wohlgestalt;
Beglückt ist, wer im Reihen zieht
Und wer am Wege steht und sieht.
Das ist des Augenblicks Gewalt,
Der läßt, als wär' er erst das Leben,
Den Sinn in seinem Banne schweben,
Indes er rasch vorüberrinnt,
Und unverseh'ns ein End' gewinnt.

Fern ist der Lärm, die Straße leer,
Drauf schleicht die Sorge still einher,
Des Menschen traute Muhmenfrau
In Kapp' und Schleiern spinnegrau,
Doch dem, der sie sein eigen nennt
Und wie den eig'nen Atem kennt,
Ein zieres Weiblein, weiß und fein,
Das, was da wird, schafft ganz allein
Mit dir bei leisem Sternenschein.

Zur Stund' jedoch läßt man sie steh'n,
Es will das Volk sie nicht beseh'n;
Der letzte läuft gar eilig fort,
Sie bleibt allein am stillen Ort,
Sitzt auf ein hölzern Bänklein nun
Und denkt: Man kann ein Schläflein thun!
Sie hüllt das Haupt in ihr Gewand
Und schlummert ein, den Stab zur Hand.

Die Sorge schläft, der Abend sinkt,
Und neue Lust den Scharen winkt;
Denn als die kühlern Lüfte weh'n
Ruft dort, wo hoch die Linden steh'n,
Auf räum'gem Bühel, dessen Fuß
Bespült der grüne Limacus,
Ein nächtlich Mahl zur Stelle,
Wo Meister und Geselle
Durch die Jahrhunderte entlang
Erhuben schon den Becherklang.
Das ist der schönste Bürgersaal;
Vom Himmel flimmert sanft der Strahl
Der alten Sterne hoch herein,
Und Lindenblüte schwimmt im Wein.

Gelagert hat die Freude sich;
Auch jenes graue Weiblein schlich,
Das sich indes ermuntert hat,
Herbei zur bunten Lagerstatt.
Sie drängt sich zwischen Mann und Mann,
Rührt leise den und jenen an;
Der zuckt die Schulter halb bedacht,
Doch nimmt sich weiter nicht in Acht;
Der schaut im Glas ihr Angesicht,
Führt's träumerisch zum Munde dicht,
Und in sich selbst versunken,
Hat er den Wein getrunken.
Kein Ohr ist, das sich borge
Dem leisen Ruf der Sorge,
Kein waches Aug' zu finden;
Der dunkle Dom der Linden
Summt wie ein großes Bienenhaus,
Wo Sang und Klang schwirrt ein und aus.

Da, horch, erdröhnt das Feuerhorn!
Und wie der Wind sich dreht im Korn,
Wend't alles Volk den Kopf herum,
Die Spieler und das Publikum,
Was oben schmaus't, was unten steht,
Am Strand und auf den Brücken geht,
Kehrt mit erschreckt neugier'gem Sinn
Den Blick nach einer Richtung hin.

Grad überm Fluß ragt, in sich fest
Verschränkt, ein altes Häusernest
Mit Treppleinwerk und Holzgesperr,
Ein Dachgewirr hoch d'rüber her;
Der braune Rauch quillt draus hervor,
Und schon schlägt auch die Flamm' empor;
Aus Fenstern, Löchern, Luken
Sieht man sie glüh'n und zucken,
Bis breit die Feuerkrone sitzt,
Darin es knattert, loht und blitzt;
Sie wirft den taghell roten Schein
Hinüber in den Lindenhain,
Wo Tisch und Glas verlassen steht
Und keines Gastes Kleid mehr weht;
Denn jeder weilt schon eingereiht
Am Ort, wo seine Pflicht gebeut.
Sie sind, so wie sie waren,
Zur Lohe hin gefahren,
Und einer schaut den andern an,
Wie er so seltsam angethan.
Nie sah man solchen Mummenschanz
Sich tummeln in des Feuers Glanz
Mit raschem Thun und Schaffen.

Hier schleppen dunkle Pfaffen
Langbeinig Bett und Kasten fort,
Und starke Nonnen tragen dort
Mit rauhem Ruf die Leiter her
Und richten sie, die schwank und schwer,
Mühsam empor; mit langem Schlauch
Ein perlbesä'ter Hindumann,
Der Maharadja klimmt hinan
Und schwindet hoch in Qualm und Rauch.
Am Ufer schöpft australisch Volk
Vereint mit dem Kosakenpolk;
Die bräunliche Zigeunerin
Fährt mit dem Windlicht her und hin,
Sie schlägt den dicken Mönch aufs Ohr,
Der sie zu müß'gem Scherz erkor,
Und schickt ihn zu den Spritzen;
Tscherkessenhelme blitzen,
Und mit den kahlen Köpfen
Und rückenlangen Zöpfen
Thun dort Chinesen enggeschart
Des Pumpwerks Arbeit heiß und hart.
So schießt von allen Seiten bald
Das Wasser in den Flammenwald
Und stirbt in seiner wilden Glut,
Das klare Labsal hold und gut.

Doch seht! auf höchstem Giebel ragt
Ein Wendrohrführer unverzagt:
Der Irokes' mit roter Haut,
Den grauslich man von unten schaut!
Der Bäcker ist's von Unterstraß,
Ein lust'ger Mann voll Schwank und Spaß;
Wenn er im Herbst den Neuen trinkt
Und der ihn gar zu trübe dünkt,
Bringt ihm die Zipfelmütz Gewinn,
Er zieht sie nieder bis zum Kinn,
Trinkt durch die Maschen dann getrost
Und nennt es seigen seinen Most;
Stumm sitzt er da, dem Fremdling graut,
Der den verkappten Zecher schaut.
Auch wie ein Frosch, ein grüner Mann,
Sagt man, daß jener hüpfen kann
Auf gradem Strich die Dielen lang,
Und quakt und quirlt den Froschgesang;
Dann bellt er wie ein heis'rer Fuchs,
Bewegt die Ohren als ein Luchs;
Mit feiner Kinderstimme singt
Er Schelmenliedlein, leicht beschwingt,
Und klemmt die Aeuglein froh gelaunt,
Wenn lachend ihn die Welt bestaunt.

Jetzt, mit dem Element im Kampf,
Verbirgt ihn bald der krause Dampf,
Bald steht er schwarz im hellen Schein
Auf kräftig ausgespreiztem Bein;
Umstoben von der Funkenglut
Lenkt er des Wassers Silberflut
Und schleudert mächtig Strahl auf Strahl
In den empörten Flammensaal.
Sein indian'scher Kriegerschmuck
Erzittert vom gewalt'gen Druck,
Der Geierfittig schräg im Schopf
Raucht halb versengt auf seinem Kopf.
Das ist ihm nun die wahre Lust,
Ein Jauchzer steigt aus seiner Brust
Hoch über allen Lärm und Drang.

Zugleich ertönt ein and'rer Sang:
Das Angstgeschrei erheben
Bedrohte Menschenleben,
Ein Schrei zuerst – dann gellt es fort
Markschütternd am verlass'nen Ort,
Im Gassenwinkel, wo der Glast
Ein dunkles Fensterloch umfaßt
Und drin ein rotes Pünktlein schwimmt,
Ein einsam Lämpchen irrend glimmt.
Kaum ist die Leiter dort getürmt,
Des Todes Warte rasch erstürmt,
So ruft es hier vom höchsten Sitz
Um Hülf' in all den Menschenwitz,
Der unten dicht und emsig schwärmt
Und selber nun voll Schrecken lärmt.

Zwei fremde Männer, wohl bestellt,
Die friedsam wandernd sich gesellt,
Die Sommerfrische zu begeh'n
Und auch das Fest am Weg zu seh'n,
Die ruhten da behaglich aus
Im wirrgebauten Herbergshaus,
Und ihr bescheidenes Quartier
Ragt oben an die Wolken schier.
Wie nun das Haus von innen brennt,
Sind sie von aller Welt getrennt,
Vergessen liegen sie im Traum.
Von einem blitzzerspellten Baum
Voll Angst der eine träumt, derweil
Der andere mit banger Eil'
Auf einem glatten Eise flieht,
Das krachend er zersplittern sieht.
Sie wachen auf, ganz sinnverstört
Vom Knall und Schall, den sie gehört;
Noch zittert das Gemach vom Klang:
Es hat ein starker Wasserstrang
Das Fenster eingeschlagen. –

Und eh' sich ihre Blicke fragen,
So klappert auch die Thür im Schloß,
Wie wenn ein später Schlafgenoß
Mit Rütteln gröblich Einlaß heischt;
Sie sperren auf – Entsetzen kreischt
Aus bleichem Mund, es starrt das Haar,
Denn wo unlängst die Treppe war,
Rollt eine Säule Rauchs empor,
Aus der die Flammenzunge sticht;
Ein Feuerriese von Gestalt,
Scheint's aus dem Abgrund aufgewallt,
Sich lagernd vor die Schwelle dicht.
Sie werfen zu das schwache Thor
Und schieben flugs den Riegel vor,
Denn schreckenvoll war das Gesicht!
Und wieder rüttelt an der Thür
Der Hauch der Glut mit Ungebühr.

Was noch vom Fensterwerk bestand,
Reißt auf nun bebend ihre Hand;
Sie lehnen angstvoll sich hinaus,
Da faßt sie gleich ein neuer Graus!
Ein breit' Gesims versperrt dem Blick
Den Weg nach unten und zurück.
Sie schrei'n erbärmlich, ungeseh'n,
Bis jene, die entfernter steh'n,
Erschau'n die bitt're Not der zwei
Und wo ertönt das Hülfsgeschrei.
Nun rauscht es unten stärker auf
Vom Rufen, Hin- und Hergelauf.

Je größer die Gefahr zur Frist
Und schwieriger die Rettung ist,
Schwillt brausender es durch die Reih'n:
Soll wie in einer Narrenstadt,
Die weder Witz noch Sitte hat,
Der Fremdling schmählich untergeh'n
Und seine Sippe klagend schrei'n:
Hätt' dieses Nest er nie geseh'n?

Mit nichten! Denn schon eilt herbei
Die Zahl der edeln Steigerei,
Das Auge kühn und ungetrübt,
In neuen Künsten wohlgeübt,
Bewehrt, gegürtet schlank und schlicht,
Vor jeder Brust ein leuchtend Licht!
Ergraut schon ist ihr Obermann,
Der sechzig Jahre zählen kann,
Ein Herr, ein sogenannter
Und jugendlich gewandter,
Von der Muralti altem Haus;
Vornehm und ruhig sieht er aus.
Ein Leiterbau wird aufgericht't,
Ein schwanker, bis er ebner Schicht
Fast zum verlornen Fenster trägt;
Doch jenem scheint vom Tageslauf
Die wackre Mannschaft aufgeregt,
Drum steigt er wohlbedacht vorauf
Und klimmt zum obersten Geschoß
So rüstig, wie ein Lenzgenoß
Zu Berge steigt im Sonnenschein.
Und mit ihm steiget Glied an Glied
Fritz Waser auf, der Messerschmied,
Der schon sich Brau' und Hand verbrannt,
Als er den Feind im Haus berannt.
Der eine alt, der and're jung,
Thun sie den gleichen schweren Schwung,
Und schwingen mutig sich hinein,
Wo die zwei Wandrer starr wie Stein,
Lautlos in Wolken Rauches steh'n.
Die wissen nicht, wie es gescheh'n,
Daß die Errettung treulich nah;
Wie lieblich tönt den Männern da,
Als Hoffnung schon verloren,
Der Heilsruf in den Ohren!

Ein hanfner Schlauch wird fest gehakt,
Das Wallerpaar frisch eingepackt,
Und hurtig reisen sie zu Thal.
Ein Freudenschall die Luft durchzieht,
Da man im schwebenden Kanal
Das Eingeschob'ne fahren sieht,
Und fröhliches Gelächter schwellt
Des Volkes Brust; behutsam stellt
Es auf die Beine rund und heil
Die zitternden Gestalten.
Ein Ritter erst und dann ein Graf
Vom kaiserlichen Land Tirol
Entstiegen so dem dunklen Hohl,
Um zu entgeh'n dem Todesschlaf,
Und des Geschickes Walten
Jetzt fromm zu loben, ist ihr Teil.
Und wie sie sprachlos aufwärts schau'n,
Betrachten sie mit Lust und Grau'n,
Der sie entfloh'n, die Höllenglut,
Und denken mit befreitem Mut
An Weib und Kind und Heimatland;
Auch preisen sie nun mit Verstand
Die Zucht und Ordnung dieser Stadt
Und werden nicht des Preisens satt.
Die guten Bürger hören gern
So weises Wort der fremden Herr'n,
Und hätten fast indessen
Das Löschen drob vergessen.

Doch nun geschieht der letzte Kampf;
Erstickend stirbt im Wasserdampf
Und zischend wie ein böser Drach'
Das rote Feuer allgemach,
Bis friedlich herrscht die Ruh' der Nacht
Und mit der Sorge ganz allein
Bei leiser Sterne Zitterschein
Weit über Stadt und Türmen wacht.

Befriedigt ruh'n die Männer aus
Beim Labetrunk in manchem Haus,
Durchnäßt, ermüdet und berußt;
Das war das End' der Bürgerlust.
Wie viele Jahre sind dahin!
Mir liegt der bunte Tag im Sinn
Wie an der Jugend fernem Saum
Ein halb vergess'ner Junitraum.

Der Meister Heinrich lobesan,
Der immerfrohe Bäckersmann
Mit seiner Mütz' und der Muralt:
Sie sind schon längst dahin gewallt,
Von wannen keiner wiederkehrt
Und keine Botschaft man erfährt.
Nur Waser glüht den Stahl noch hart,
Und stahlgrau ist sein langer Bart!


 

Die Johannisnacht.

Festspiel
bei der Becherweihe der zürcherischen Zunftgesellschaft
zur Schmieden.
1876.

Ein bewaffneter Schmied von 1278
tritt auf:

Johannisfeuer glimmt und flimmert
Von allen Höhen durch die Nacht,
Hat in mein Kämmerlein geschimmert,
Daß ich aus tiefem Schlaf erwacht
Und aus der Fremde hergefahren,
Wo ich seit sechsmal hundert Jahren
Auf weitem Marchfeld, fern bei Wien,
Ein toter Mann, begraben bin. –

Die alte Wasserstadt zu seh'n,
In ihren Straßen umzugeh'n,
Hat's mich wie Sturmwind hergetrieben,
Zu seh'n, ob Stein auf Stein geblieben
Und ob die tapfern Gutgesellen,
Was rinnet, rüstig noch verschwellen!

Nun find' ich schwierig Pfad und Steg,
Hier war das Thor, nun ist es weg!
Doch steht ein Haus mit heller Stuben,
Drin summt und singt's wie munt're Buben –
Ich glaub', da thut noch jemand spuken,
Wer kommt da? Will sich einer mucken?

Ein Schwertfeger von 1351, ebenfalls bewaffnet,
tritt auf:

Nur still! Wir sind von gleicher Art,
Wir tragen Staub in Haar und Bart,
Und blutig klaffen uns die Wunden! –
Wo hast du deine Ruh' gefunden?

Schmied:
Mit König Rudolf zog ich aus,
Den wilden Ottokar zu schlagen,
Und half das Ostreich ihm erjagen;
Fast war vorbei der Heidengraus,
Der Sieg kam an, doch blutig rot,
Wir hundert Zürcher meistens tot.

Da naht der kluge Habsburgmann,
Es schien sein schweres Roß zu hinken,
Er merkte das und thät mir winken:
„Bist du nicht Hansli Gugliguck,
„Der Schmied, und deine Schmidtenbruck
„Am Rain, wo man zum Hofe geht,
„Der an der Aa zu Zürich steht?“

„Ja, dort mir Weib und Esse zischt!“
Sagt' ich, von Rudolfs Wort erfrischt.
Er lacht' und rief: „So schau' mal nach,
„Ob sich mein Gaul den Huf zerstach!“
Und wie ich nun den Huf will heben,
War ausgeblasen auch mein Leben,
Es sandten flieh'nd ein paar Böhmaken
Zween lange Pfeil' mir durch den Nacken.
Doch wo hast du das End' erstritten?

Schwertfeger:
Bin nicht so weit wie du geritten!
Wo Cyriaci Kirchlein war,
Lieg' ich schon fünfmal hundert Jahr!
Das Oestreich, das du halfst erringen,
Wollt' nachmals uns zu Boden zwingen!
Wir machten eig'nes Regiment,
Da nahm die Freundschaft nun ein End'!
Wir gingen in den jungen Bund,
Was ihnen nicht, doch uns gesund!
Drum zupften jetzt die Rudolfsenkel
Voll Bosheit uns am Fahnenschwenkel;
Wir aber schlugen unverloren
Den Herr'n die Stangen um die Ohren!

Schmied:
Wer war nun euer Feldhauptmann?

Schwertfeger:
Das war Herr Brun, der Anschicksmann,
Der uns das Bürgertum gewann,
Ein gar gerieb'ner schlauer Vetter,
Aufdringlich, stät, wie Regenwetter!
Wir wußten nicht zu jenen Stunden,
Ob er, ob wir das Ding erfunden;
Man wird nicht klug bei solchen Spielen:
Ist es der eine? Sind's die vielen?

Schmied:
Versteh' nicht jenes und nicht dies!

Schwertfeger:
Verstehst nichts in Politicis?

Schmied:
Doch war der Hauptmann gut im Feld?

Schwertfeger:
Ei nun – dort war er just kein Held!
Als in dem Thale von Tätwyl
Der Feind rings auf uns niederfiel,
Da hat er sich davon gemacht
Und ließ uns steh'n in schlimmer Nacht;
Als er schon ziemlich weit geschlichen,
Da merkt' man erst, daß er entwichen.
Mir raunt' der Nachbar in die Ohren:
Herr Brun ist fort, wir sind verloren!
Ich sagte: „Laß den Schelmen laufen,
Man braucht ihn, darf ihn nicht verkaufen!
In jeder gut besorgten Stadt
Braucht's einen, der kein Ehr' nicht hat,
Nicht Ekel kennt und nicht Gewissen
Und immer schafft und ist beflissen,
Zu wirken, daß er nötig bleibt!
Nur muß man eben nicht urgieren,
Daß er sein Leben soll riskieren!
So wird er alt und wohlbeleibt!
Die Nachwelt wird sich dran ergetzen
Und solchem Kerl ein Denkmal setzen,
Indes ein braver fauler Hund
Zunichte wird und geht zu Grund!“

Indem ich so die Zunge wetzte
Und mich am bösen Leumund letzte,
So brach herein die bitt're Not;
Da ging es an ein Stechen, Hauen,
In dunkler Herbstnacht konnt' ich schauen
Den, der mich packt', den blassen Tod!

Je dennoch ward der Sieg erstritten
Durch Rüegg Manesses kluge Sitten,
Der still im zweiten Range stand
Und in der Not die Rettung fand.
Er brachte treu mit reicher Beute
Heimwärts uns vierzig tote Leute;
Ganz steif wie ein gefrorner Hecht
Lag ich querüber schlecht und recht!

Doch horch! Was lärmt und klirrt da vorn?

Ein geharnischter Kupferschmied von 1445
schleppt einen andern Gewaffneten mit sich:

So komm' nur mit, bei Gottes Zorn!
Hier ist das Haus zum goldnen Horn,
Da wollen wir jetzt Einkehr halten
Und nächtlich in der Stuben walten!
Mich wundert, ob ein Tröpflein Weins
Uns nicht das kalte Herz kann wärmen
Und vor der Kraft des goldnen Scheins
Ein Weilchen flieht des Grabes Härmen!
Heut war Johanns des Täufers Tag,
Da man der Zunft- und Ratswahl pflag –
Ein paar Gesellen steh'n noch hier –
Doch weh! Die sind so kühl wie wir!

Schmied:
Doch nicht so naß! Woher die Fahrt?
Ihr tragt ja Sand und Tang im Bart,
Und Wasser aus dem Harnisch läuft;
Hat man euch eurer Zeit ersäuft?

Kupferschmied:
Im tiefen See, da liegen wir
Wohl jetzo der Jahrhundert vier!
Der Kupferschmied Götz aus der Auw
Bin ich, und der zu Wollerau
Der Beck vom Hof, der blieb geduldig
Mir einst ein' kupfern' Bratpfann schuldig!
Als nun der lange Krieg+) gekommen
Und sie die Höfe uns genommen,
Da lief er mit den Eidgenossen,
An uns die Hörner abzustoßen.
Und wo ein Schutt und Rauch entstand,
Da war der Beck gewiß zur Hand!
Und beim Scharmutzen thät er prahlen,
Ob er die Pfanne mir soll zahlen?
(Er schüttelt ihn.)

Doch wie sich alles endlich wend't,
Der Krieg naht' mälig auch dem End';
Ein schöner Herbst war just im Land,
Die Rebe voll von Trauben stand,
Die wollten sich die Ländler kaufen
Noch ohne Geld, in hellen Haufen
Sind in die Reben sie gestiegen
Am Erlenbach zum Herbstvergnügen.
Ein dicker Nebel hüllt verschwiegen
Die reisige Schar der Winzer ein –
Doch uns zugleich am Waldesrain,
Wo wir der Sach' gewärtig standen
Und alle Riemen fester banden.

Wie nun die lecker'n Eidgenossen
Die Trauben schnitten samt den Schossen
Mit Schneidezeug von allen Arten,
Mit Dolchen, Schwertern und Halmbarten,
Im grauen Nebel fröhlich haus'ten
Und manchen Weinberg arg zerzaus'ten,
Auch sangen grobe Winzerlieder:
Da fielen wir mit Macht hernieder
Und zahlten ihnen Winzerlohn!
Da ward ein frischer Trank geboten,
Es floß der Most, und zwar vom roten,
Und wer noch konnte, ist entfloh'n
Ans Ufer abwärts zu den Schiffen.
Natürlich war mein Beck dabei!
Vor sich die alte Bickelhauben
Ganz angefüllt mit blauen Trauben,
Sprang hoch er, wie ein Böcklein frei!
Ich hätt' den Schelmen fast ergriffen,
Da konnt' er in ein Schiff sich schwingen,
Ich auf dem Fuß mit tollem Springen
Ihm nach ins Fahrzeug – und allein
Muß ich mit zwanzig Spießen sein,
Die eilig jetzt vom Lande stoßen,
Doch, als der sich're See gewonnen,
Mich rings umstarren voll Erboßen
Und scharf zu kitzeln mich begonnen.
Da dacht' ich mir: was hilft das Zagen?
Ich packte meinen Beck am Kragen
Und sprang bordüber in die Flut,
Wo er mit mir am Grunde ruht.
Dort halt' ich fest den wackern Mann,
Bis er die Pfanne zahlen kann;
Wenn er etwan entrinnen will,
Kriegt er 'nen Puff, dann liegt er still,
Und treibt das Heimweh mich, zu geisten,
So thut er mir Gesellschaft leisten.

+) Aller Eidgenossen gegen Zürich wegen des toggenburgischen
Erbes.


Schwertfeger:
Wir müssen All' die Sehnsucht tragen,
Des Lebens Schatten nachzujagen! –
Mich dünkt, es wallt noch einer her,
Ich hörte seufzen tief und schwer!

Schmied:
Ein Grauer kommt heran geschritten
In reichen Waffen, ernst von Sitten.

Ein Stückgießer von 1515
tritt auf:

So viel' ich Euer hier gewahre,
Tragt ihr der Jugend Braun im Haare,
Und keiner ist, der so betagt
Wie ich dem Streite nachgejagt.
Ich war bei Granse, Murten, Nanzig,
Und sah nie meine Werkstatt wieder,
Strich durch die Lande auf und nieder
Wohl in die Jahre zehn und zwanzig;
Im Schwabenkriege tummelt' ich,
Am Rheine und im Thurgau mich;
Ich machte manchen still und bleich
Und manche Burg dem Boden gleich.
Dann ging es lange Jahre wieder
Jenseit des großen Berges nieder;
Ich hauste in der Lampartey
Mit Uebelthat und Kriegsgeschrei;
Ich stellte mich den Fürsten gleich
Und spielt' mit ihnen Reich um Reich,
War nur dem eitlen Ruhme hold
Und dürstete nach schlechtem Gold,
Bis ich im Feld zu Marignan
Der heißen Arbeit Lohn gewann:
Den Mund voll Gras und das Erkennen,
Daß wir nach Dunst und Wolken rennen!

Als dort ich sieglos niedersank,
War mir vom übernächt'gen Morden
Der graue Kopf ganz weiß geworden,
Es brach das Herz, von innen krank!
Jetzt ruh' ich längst von Streit und Fechten;
Doch eil' ich gern in stillen Nächten,
Wenn lind der Hauch von Süden weht,
Zur alten Heimat – doch zu spät!
Das Vaterhaus ist längst verschwunden,
Doch scheint, die Zunft steht noch zu diesen Stunden.

Kupferschmied:
Wir schwirren um das helle Licht
Wie graues Nachtgevögel dicht,
Das keinen Einlaß finden kann. –
Da flattert noch ein Schattenmann!

Ein Schlosser in Offizierstracht von 1649
tritt auf:

Manch' zierlich Gitter konnt' ich schmieden,
Doch fand dabei ich nicht den Frieden
Und bin als Kriegsmann hingefahren,
Wo man gelockt der Söldner Scharen.
Hab' beim Savoyer Wacht gestanden
Und patroulliert in span'schen Landen,
Im weiten Hof der Tuilerie'n
Mein nächtlich Wer da laut geschrie'n.
Bin zu den Schweden dann gelaufen
Und thät mit den Panduren raufen;
Zuletzt stand in Dalmatia
Ich als ein Leutnant trotzig da,
Der für Venedigs Republik
Um gutes Gold wagt sein Geschick.
Die Türken galt es zu verjagen,
Ich ward von vieren dort erschlagen,
Als ich allein hinausgegangen,
Ein wildes Hühnlein mir zu fangen.
Da lernt' ich, heißen Brei zu essen,
Die Quadratur der Zirkels messen!
Zwei hab' ich überecks erstochen,
Zwei sind im Ring herumgekrochen
Und ließen ihre Sichelklingen
Mir schmählich durch die Sehnen dringen.
Sie warfen mich vom Felsen munter
Hoch in des Meeres Schaum hinunter;
Das Hühnlein, das davon geflattert,
Ward von den Türken drauf ergattert.
Ich aber dacht' im Untergeh'n:
Thätst du daheim am Schraubstock steh'n!

Ein Chirurgus von 1757+)
mit langem Zopf und Degen:

Hier ist das Haus zum Schwarzen Garten,
Ich klopf' und schell', doch kann ich warten,
Verschlossen ist's und dunkel drin!
Wo sind denn die Gesellen hin,
Die hier beim Becher fröhlich saßen
Und des Examens Angst vergaßen?
Vom Pflasterstreichen, Laborieren
Erholten sich mit Commerzieren?
He! Holla! – Wie bin ich genarrt!
Nur Stüßis Fähnlein dorten knarrt,
Der steht noch auf dem Brunnenstein –
Doch was dort sprudelt, ist kein Wein!

Die Schuster auch sind weggezogen,
Die nachbarlich der Zunft gepflogen;
Und weiland hier der Müller Stube
Ist finster, wie des Todes Grube;
Am Haus zwar noch das Wappen steht:
Ein Mühlerad, das nicht mehr geht!

Was hat mich nun hieher getrieben?
Wär' ich in meinem Sandloch blieben,
Wo eine dürre Kiefer steht,
Durch die der Nachtwind pfeifend weht!

Doch halt, verlier' die Hoffnung nicht!
Dort bei den Schmieden ist noch Licht:
Drum! Heut ja ist Johannistag,
Dort sind die Aerzte beim Gelag!
Doch, glaub' ich, ist vorbei der Schmaus,
Da steht schon mancher vor dem Haus.
(Tritt näher.)

Oho! die sind so dünn wie Luft!
Ich glaub', es ist ein Nebelduft,
Und an den schimmlig alten Trachten
Merkt man wo diese übernachten!

+) Die Aerzte waren, als die Zünfte politische Bedeutung hatten,
behufs Ausübung ihrer Rechte den Schmieden zugeteilt; sonst hatten
sie ihre Stube im „Schwarzen Garten“.

Schwertfeger:
He du, mit deinem Stiel im Nacken!
Willst du uns an der Ehre packen?

Chirurgus:
Geduld, ihr Herrn! Und habt Vernunft!
Ich bin mit euch von gleicher Zunft,
Bin tot, wie ihr! Macht keine Faxen,
Denn hiefür ist kein Kraut gewachsen!

Stückgießer:
Wo wardst der Schule du entlassen?

Kupferschmied:
Liegst du im Trocknen oder Nassen?

Schlosser:
Dein Leib ist lang und steif und grad,
Du warst wie wir wohl ein Soldat?

Chirurgus:
Ein Feldscher seiner Majestät
Des alten Fritzen vor euch steht! –
Mit rotem Mantel, wenig Geld
Ritt als Student ich in die Welt
Und dacht' in Halle zu capieren,
Was mir noch fehlt zum Praktizieren;
Verkauft' den Klepper und hub an,
Hab' leider bald mein Geld verthan!
Die Werbetrommel hört' ich rühren
Und trat zu Friedrichs Grenadieren
Und zog mit ihnen Tag und Nacht,
Von Feld zu Feld, von Schlacht zu Schlacht.

Hab' mit dem König auch gesprochen,
Einst hat er frisch mich angestochen
Und sagte näselnd: Herr Chirürge,
Ist er der Schweizer nicht von Zürch,
Wo sie die Schriften thun petschieren
Mit drei geköpften Personagen,
Die auf den Händen die Visagen
Wie drei Pasteten präsentieren?

Ich sagte: „Sire! so Gott es will,
Bleibt das noch lange das Sigill
Von uns'rer alten Repüblique,
Versteh'n nicht Spaß in diesem Stücke!
Was schon ein halb Jahrtausend alt,
Erhält erst feste Leibsgestalt,
Mit eines Eichbaums Prospertät
Grad in des Lebens Mitte steht!“

Da setzt' den Schimmel er in Trab
Und hopst die Lagergaß hinab.

Indessen folgt' ich seinem Stern,
Der einsam glänzte nah und fern.
Er funkelt' in der Nacht von Prag
Wie eine Sonne hell am Tag;
Ich sah ihn bei Collin erbleichen,
Dort mußten wir blutrünstig weichen,
Darauf bei Roßbach zwinkt er wieder
Gar lustig durch die Wolken nieder.
Jedoch im großen Sieg bei Leuthen
Schoß ein Kroat mich von der Seiten,
Als ich, den Degen in der Faust,
Mein Amt vergessend, drein gebraust.
Dort blieb ich in den letzten Zügen
Auf einer Föhrenhaide liegen.

Ein alter Stubenknecht oder Zunftwirt
(ruft aus dem Fenster):

S'ist Mitternacht, das Haus ist leer,
Ihr luft'gen Gäste kommt nun her!

Schwertfeger:
Auf, wie die Windsbraut fahren wir
Hinein durch die bekannte Thür!
(Sie sitzen am Tisch.)

Chirurgus (zum Wirt):
Nun sprich, der du im Hause weilst,
Trepp' auf und nieder schlurfend eilst,
Als ob du noch die Kannen trügest,
Und so dich selbst lebendig lügest:
Wie geht's der Stadt und dieser Zunft?
Blüht noch die alte Ueberkunft
Von Macht und Wohlfahrt, Rat und That,
Von Ehr' und Arbeit früh und spat?

Stückgießer:
Wie steht's um Herrschaft und Vogtei,
Gericht und Rat und Klerisei?
Ist uns're Zunft mit Ruhm dabei?

Der Wirt:
Vogtei und Grafschaft sind dahin,
Im Rate sitzt das Volksgesind
Und im Gericht des Bauern Kind,
Der Pfaffheit Stern ist im Verglüh'n.

Schmied:
Was ist vergangen und entstanden,
Seit ich gelebt in diesen Landen!

Schlosser:
Wie nahm ein löblich Regiment
Gemeiner Stadt so schnödes End?

Wirt:
Wie wir den Rittern einst gethan,
So fing's mit uns der Bauer an!

Kupferschmied:
Jedoch das alte Banner weht
Voran noch, wenn's zum Streite geht?

Wirt:
Es flattert noch bei Lenzgelagen,
Im Feld wird nur das Kreuz getragen,
Das herrscht allmächtig unter Gleichen,
So weit des Bundes Grenzen reichen!

Kupferschmied:
Wenn sie es denn soweit getrieben,
Was ist Besond'res überblieben?

Wirt:
Nur Freundschaft und Erinnerung,
Der Becher hier und dieser Saal;
Da sitzen sie beim Brudermahl
Und dünken sich von neuem jung.
Sie trinken Kraft vom goldnen Rande
Und stehen treu zum freien Lande.
(Stellt den Pokal auf den Tisch.)

Alle:
Seht, welch' ein herrlich Trinkgeschirr!
Es hüpft das Herz vor Freuden mir!

Chirurgus:
Seit wann besteht dies Prachtgerät?

Wirt:
Sie haben es ganz frisch gegründet,
Damit sich neue Glut entzündet
An seinem Glanz und Dignität.
Geheimnisvoll umschließt das Gold,
Was in der Freude ehrenhold
Vergangenes und Künft'ges bindet.

Stückgießer:
Doch sagt: wer ist der reisige Mann,
Der auf des Deckels Kuppel ragt,
Mit Schwert und Banner unverzagt
Bewacht der Schale runden Bann?

Wirt:
Das ist ein hehrer Zunftgenoß,
Deß Blut bei Kappel heldisch floß,
Der Bannerherr in Rüstung blank,
Der bei der Fahne sterbend sank
Und wie er stieg zur Nacht hinab,
Sie treu dem zweiten Retter gab.

Bannerherr Schweizer +)
(in gleicher Gestalt wie auf dem Becher)
tritt herein:

Ich hörte traute Rede geh'n,
Die mich geweckt wie Frühlingsweh'n!
Seid mir gegrüßt, ihr Herr'n zur Schmieden,
Und sei mit euch des Geistes Frieden!
(Es erheben sich alle.)

+) Zunftmeister zu Schmieden, fiel in der Reformationsschlacht
bei Kappel 1531
.

Wirt:
Durch dich wird uns're Schattenwelt
Mit einem lichten Schein erhellt;
Denn vornehm ist und höh'rer Art,
Was damals euch zum Kampf geschart!

Bannerherr:
Im bittersten und schwersten Streit
Für des Gewissens Einigkeit,
Unangeseh'n den Feind, zu fallen,
Das ist das höchste Los von allen;
Da wallt das Herz in lichter Ruh'
Der Freiheit ew'ger Heimat zu!

Wirt:
Wie dankbar dich die Enkel ehren,
Mag dich die Becherzierde lehren!

Bannerherr:
Fürwahr das kleine Denkmal hier
Bedünkt mich größ're Ehrenzier,
Als ständ' ich hoch in Erz gegossen,
Von Lärm und Staub des Markts umflossen.
Ich steh' an meinem kleinen Ort
Als Wächter bei der Freundschaft Hort!
(Er hebt den Deckel ab.)

Laßt seh'n, ob diese edle Flut
Noch wärmt das leichte Geisterblut!
Ich trink's euch zu – mich dünkt, die Glieder
Durchströmt ein Hauch des Lebens wieder!
Trink', Schmied! und gieb den Becher weiter!

Schmied (thut es):
Mir glänzen Jugendsterne heiter
Aus goldnem Abgrund dieser Schale!

Schwertfeger (ebenso):
Mir ist, ich geh' im grünen Thale,
Als würde mich ein Liebchen küssen!

Kupferschmied (ebenso):
Ich bade in krystallnen Flüssen!
(Er hält den Becher dem Beck an den Mund, welcher trinkt.)

Trink, Bruder, hier giebt's Rebenlauben!

Beck von Wolterau:
O süßer Saft der Lebenstrauben!
Ich atme Luft von Bergesau'n!
(Der Kupferschmied läßt den Becher weiter gehen.)

Stückgießer (trinkt):

Dem Siege darf ich wieder trau'n,
Es schlägt mein Herz in alter Stärke!

Schlosser (ebenso):
Ich spüre Kraft zu jedem Werke,
Das ich in Tagen einst versäumt!

Chirurgus (ebenso):
Ein Traum, der schon einmal geträumt,
Lockt mich mit längst entschlaf'nen Wonnen!

Wirt (nachdem er getrunken):
So schließ' ich nun den Zauberbronnen,
Schon nahet leis der junge Tag;
Bald tönt im Korn der Wachtel Schlag!
(Deckt den Becher zu.)

Alle singen:
Fahr' wohl du schöne Sommernacht,
Dein heit'rer Glanz ist still verglommen!
Steig' auf, verjüngte Morgenpracht
Für unser Volk, das nach uns kommen!
Wir zieh'n dahin nach Geisterbrauch
Und lösen uns in Luft und Hauch.

(Während des Gesanges, der mit gemäßigten Stimmen begonnen und
bis zum Schluß immer leiser wird, nimmt auch die Beleuchtung ab,
in welcher die vortragende Gruppe steht, so daß diese mit dem Verhallen
des Gesanges zugleich im Dunkel verschwindet.)


 

Cantate
bei
Eröffnung einer schweizerischen Landesausstellung in
Zürich 1883.

Die Schifflein ruh'n, und schimmernd ausgebreitet
Erfreut das Auge der Gewebe Schwall;
Der Hammer schweigt, doch mit dem Lichte streitet
In tausend Formen das Metall.
Aus tausend Stoffen hat Gestalt gewonnen,
Was Not und Lust der Welt ersonnen;
Mit heil'gem Ernst, mit heiter'm Tand
Umdrängt uns das Gebild der Hand.

Es will sich zeigen Wehr und Lehre,
Und er, der mit der Scholle ringt,
Der Mann im Kampf um Brot und Ehre
Des Feldes Frucht zum Feste bringt.

Alle Kräfte, die da schliefen,
Jeden Fleiß, der schaffend wacht
Auf den Höhen, in den Tiefen,
Sehen wir zu Tag gebracht.

Und ein ganzes Volk will tagen,
Kind und Jüngling, Mann und Frau
Bringen hoffend hergetragen
Ihrer Hände Werk zur Schau.

Große Städte, Nationen
Eifern lang schon im Verein;
Aber wo wir Kleinen wohnen,
Darf die Müh' nicht kleiner sein!

Gleich stürmender Wolken geschlossenen Scharen,
So reih'n sich die Völker und drängen voran;
Da gilt es zu steh'n und sich regend zu wahren,
Wer rastet, geht unter im Staube der Bahn!
In stäter Bewegung ernährt sich die Kraft,
Die Ruh' liegt im Herzen dem Manne, der schafft!

Arbeit ist das wärmste Hemde,
Frischer Quell im Wüstensand,
Stab und Zelt in weiter Fremde
Und das beste Vaterland!

Vaterland! ja du mußt siegen,
Aller Welt an Ehren gleich:
Laß die Spreu von dannen fliegen,
Nur durch Arbeit wirst du reich!

 

Cantate
zum
50jährigen Jubiläum der Hochschule Zürich.

Das Urmaß aller Dinge ruht
In Händen nicht, die endlich sind,
Es liegt verwahrt in Schatzgewölben,
Die kein vergänglich Auge schaut.
Wir führen Wage, Stab und Uhr,
Und was wir wägen, schwindet hin;
Darum mit ehrerbiet'ger Scheu
Gebrauchen wir das Maß der Zeit,
Und rufen hoher Jahre Zahl
Mit Weihefesten an.

Ein halbes Jahrhundert
Was ist es, ihr Brüder?
Ein Hauch, wie ein ganzes
Und wie ein Jahrtausend!
Doch wenn es das erste,
Dann winden wir schmeichelnd
Und rühmend den Kranz.

Das eig'ne Erinnern
Umfängt uns die Seele,
Die Jahre der Jugend
Sind lange dahin,
Indessen die neuen
Geschlechter erblühten.

Es ragt uns die Burg mit
Den Aemtern des Wissens,
Wir sah'n noch die Stifter,
Und sah'n die Genossen
Die Halle durchschreiten,
Geschlecht auf Geschlecht.

Wo sind sie geblieben,
Sie all', die gekommen
Und wieder geschieden,
Zu lehren, zu lernen?
Sie ruhen in Gräbern,
Zerstreut auf der Erde,
Und hier in der Heimat.

Doch mancher, er hält noch
In schneeigen Locken
An fernen Altären
Der Weisheit die Wacht;
Getreulich geh'n and're,
Als Bürger ergrauend,
Mit uns noch zum Forum.

Kein fürstlicher Reichtum,
Kein Erbe der Väter
Erhält uns die Schule;
Auf schwankem Gesetze,
Sie steht in den Aether
Des täglichen Willens,
Des täglichen Opfers
Des Volkes gebaut!

Doch um so lichter stehet
Und schirmet uns das Haus,
So lang ein Geist nur gehet,
Ein guter, ein und aus.

Reich' immer froh dem Morgen,
O Jugend, deine Hand!
Die Alten mit den Sorgen
Laß auch besteh'n im Land!

Ergründe kühn das Leben,
Vergiß nicht in der Zeit,
Daß mit verborg'nen Stäben
Mißt die Unendlichkeit!

 

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1.5..2002 / W. Morgenthaler